Aufsatz 
Eine Schillerrede an die Schüler
Entstehung
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Daß er aber in früherer Zeit zu Berühmtheit gelangen konnte. ist erklärlich; denn abgesehen von Gestalten der Jugenddramen, die der Dichter selbst als verunglückt bezeichnet hat, sind die störenden Elemente nicht von der Art, daß sie immer und von jedem so empfunden werden mütßßten. Für die Zeitgenossen waren Ferdinand, Luise und ähnliche weder unsympathisch, noch unwahrscheinlich; das Zeitalter der Empfindsamkeit hat ja ähnliche Menschen hervorgebracht und aus manchem Briefwechsel kann man sich überzeugen, daß die schwärmerische und zärtliche Sprache, wie sie uns am Infanten und seinem Freunde auffällt, auch unter Männern nichts Ungewöhnliches war. Die griechischen Namen waren einer Epoche, da man fleißig in den antiken Schriftstellern las, wohlbekannt.

Bezüglich der uns störenden Form ist gleichfalls zuzugeben, daß sie nicht immer und auf alle so wirken müsse wie auf uns; dem Dichter selbst hat sie jedenfalls besser gefallen; er wußte wohl, daß man in der Aufregung keine solchen Reden halten könne und daß die Bauern nicht wie die Dichter sprechen. Aber ihm kam es auf die Gleichmäßigkeit des Tones, auf eine harmonische Wirkung mehr an als auf getreue Wiedergabe unwesentlicher Einzelheiten. Gleich ihm haben wohl auch die meisten Leser des 19. Jahrhunderts über die Pracht der Sprache und der Schönheit des Rhythmus den Vergleich mit der Wirklichkeit vergessen.

Noch aus einem anderen Grunde hatten wir nicht recht, Schillers Berühmtheit mit unseren Eindrücken für unvereinbar zu halten; denn die Berühmtheit ist kein Gradmesser für den Wert. Freilich werden sich unbedeutende Werke ihrer kaum je längere Zeit erfreuen, aber anderseits gibt es ausgezeichnete Werke, die sehr wenig bekannt sind. Beruht denn Schillers Ruhm auf gründlicher, tiefer Kenntnis? Gerade seine großartigsten Leistungen sind nicht in breitere Schichten ge- drungen; man denke nur an den»Spaziergang«, an die Chöre aus der»Braut von Messina«! Ja, zur Zeit, da sein Ruhm sich zu ver- breiten begann, waren selbst die literarischen Kreise noch recht wenig in ihn eingedrungen.

Trotzdem war seine Wirkung gewaltig; dazu haben vor allem die Zeitverhältnisse beigetragen; die Deutschen der Freiheitskriege und des Vormärz fanden in ihm ihre Gedanken, ihr Sehnen und Hoffen aus- gesprochen. Es ist kein Zufall, daß um 1813 besonders die»Jungfrau von Orleans«, vor 1848»Don Karlos« gegeben wurde. Dann aber hat er, ohne auf das Gefallen auszugehen, auch sonst noch oft den Ton getroffen, der den Deutschen zu Herzen ging und hat daher auf die Entwicklung der deutschen Kultur einen großen Einfluß ausgeübt. Dies ist der Grund, warum er eine so hervorragende Stellung einnimmt.

Eine andere Frage ist dagegen, ob er auch uns noch etwas gelten könne. Alle Berühmtheit, alle Verdienste um Literatur und Kultur kommen da nicht in Betracht, wenn er keine Wirkung mehr