auszuüben vermag. Aber es wurde schon oben erwähnt, daß die früheren Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts kein volles Verständnis für seine Kunst besaßen. Wenn das nun erst spätere Zeiten erwarben, so ist es doch nicht sehr wahrscheinlich, daß er gerade jetzt alle Wirkung eingebüßt habe. Tatsächlich finden wir vieles, was sich mit den Ideen und Be- strebungen unserer Tage berührt. Nur ist es nicht gerade das, was unsere Vorfahren entzückte, sondern anderes, das sie wenig oder gar nicht beachteten.
Bei einer Aufführung des»Tell« wurde früher das Interesse dcr Zuschauer wohl hauptsächlich durch den Freiheitskampf der Schweizer in Anspruch genommen; mit ihnen stimmten sie in der Sehnsucht nach Freiheit überein. Uns ist der Freiheitskampf minder interessant als die Schilderung von Land und Leuten, die in diesem Stücke wie selten in einem Drama bis ins kleinste ausgearbeitet und durchaus nicht zwecklos ist. Wir sollen den Geist des Landes erfassen, um den Charakter dieses eigen- artigen Volkes zu verstehen. Auf dieser Eigenart beruht der ganze Kampf. Da Geßler und seine Leute ihr blind gegenüberstehen und wähnen, das Volk sei»zu nichts anstellig, als das Vieh zu melken und faul herumzuschlendern auf den Bergen«, wenden sie gerade die ver- kehrtesten Mittel an, die statt zur Unterwerfung zum Aufruhr führen. Indem Schiller die Schweizer im Zusammenhange mit der Natur des Landes zeigt, berührt er sich mit mehreren Schriftstellern des 19. Jahr- hunderts und in gewissem Sinne sogar mit ganz modernen, den Ver- tretern der Heimatkunst.
Auch die»Jungfrau von Orleans« war den Deutschen des be- ginnenden 19. Jahrhunderts hauptsächlich eine Freiheitsdichtung; gewiß ist auch hier die freiheitliche Tendenz nichts Unwesentliches. Aber damit ist der Inhalt des Dramas noch lange nicht erschöpft. Wenn die Be- freierin ihres Vaterlandes, die Retterin des Königs, von fast allen ver- lassen dasteht und sogar als Hexe verbannt wird, gemahnt uns das nicht an manchen großen Mann, den seine Mitmenschen nicht ver- standen, verdächtigten und mit Undank belohnten? Alles Unglück der Jungfrau beruht aber schließlich darauf, daß sie ein Werk unternahm, zu dem menschliche Kraft nicht mehr reicht. Auch dieses Problem hat noch das spätere 19. Jahrhundert beschäftigt.(Björnson:»UÜber unsere Kraft.«)
Ob Persönlichkeiten wie Wallenstein und Maria Stuart, deren Handlungsweise sich zum großen Teile aus dem Einfluß ihres Milieus erklärt, uns heute nichts mehr sagen, während wir sonst so oft in Dichtung und Leben den Einfluß der Verhältnisse studieren, ist mindestens Zweifelhaft.
Aber nicht nur die Hauptprobleme, sondern auch viele von den Betrachtungen, über die heute mancher lächelt, berühren sich mit Fragen, die heute durchaus nicht als abgetan angesehen werden können.


