oder der gesamten Lebensanschauung gehindert. Wer in Shakespeares Drama das einzig mögliche der modernen Zeit sieht, wird natürlich an Schiller sehr viel auszusetzen finden. Derjenige, der überall nur das Praktische schätzt, wird Schiller ebensowenig zustimmen können als der entschiedene Anhänger Schopenhauers oder Nietzsches.
Aber auch Menschen, deren Anschauungen nicht so weit von denen Schillers abweichen und die gar nicht gegen ihn eingenommen sind, machen die Wahrnehmung, daß er ihnen keinen ungestörten Genuß bereite.
Woran liegt das nun?
Bei näherem Zusehen stoßen wir auf Stellen, die heute ziemlich allen nicht recht verständlich, unwahrscheinlich oder unsympathisch sind.
Wir glauben nicht, daß zwei Männer wie Karlos und Posa so zärtlich miteinander reden, wir glauben nicht, daß es Menschen wie Ferdinand und Luise in»Kabale und Liebe« gebe, von Amalia in den »Räubern« und Leonore in»Fiesko« ganz zu schweigen. Die Ver- hältnisse an dem Fürstenhofe in»Kabale und Liebe« erscheinen uns mindestens sehr übertrieben.
In fast allen Dramen finden wir Personen, deren Reden nicht zu ihrer Bildung oder zu ihrer augenblicklichen Lage passen. Der junge Melchtal, ein schlichter Bauernsohn, spricht, als er die Blendung seines Vaters erfährt, einen Hymnus auf das Auge; Tell, im Begriffe Geßler zu erschießen, hält einen wohlgegliederten Monolog; aber auch alle anderen Schweizer sprechen für unser Gefühl zu wenig bäurisch. Ahnliches finden wir in den übrigen Dramen.
In den lyrisch-didaktischen Dichtungen stoßen wir auf eine Menge griechischer Namen, die uns nichts sagen, weil uns die betreffenden Gestalten der Mythologie oder Sage nicht bekannt sind. UÜberhaupt befremdet es uns, daß soviel von den Griechen die Rede ist.
Die Zahl derartiger Stellen wird natürlich von jedem anders an- gegeben werden. Der eine wird mehr, der andere weniger finden. Aber schon die oben angeführte Liste zeigt uns, daß es teils am Inhalt, teils an der Form liegt, wenn wir manchmal gestört werden. Am Inhalt, wenn die Gestalten, Handlungen, Zustände an sich uns unwahrscheinlich vorkommen; an der Form, wenn die Sprache nicht zu dem Charakter oder der Lage der Personen stimmt. Für den Genießenden ist das freilich gleichgültig.
Dagegen ist es nicht gleichgültig für die Frage, wieso der Dichter zu so großem Ruhme gelangen konnte, obwohl er bei uns keinen ungestörten Eindruck hervorruft. Seine Berühmtheit stammt ja nicht aus unserer, sondern aus früherer Zeit; wir haben sie von unseren Vorfahren übernommen; als wir kaum ein paar kleine Gedichte von ihm lesen konnten, für Verständnis und Kritik seiner Kunst natürlich noch gar nicht reif waren, hörten wir schon, er sei einer unserer größten Dichter gewesen.


