Aufsatz 
Eine Schillerrede an die Schüler
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Eine Schillerrede an die Schüler.

Mit Ausnahme von Goethe kann sich kaum ein anderer deutscher Dichter mit Schiller an Berühmtheit messen. Seine Dramen geben die großen Hoftheater wie die bescheidensten Bühnen der Kleinstädte. Wenn wir in einer Bibliothek, die sich nicht auf Wissenschaften beschränkt, seine Werke nicht anträfen, wären wir jedenfalls höchst erstaunt, da doch jede Hausbücherei einen Band Schiller zu enthalten pflegt, und Zzwar oft als einzigen Vertreter deutscher Poesie. Die Kenntnis seiner Dichtungen wird von jedem gebildeten Deutschen als so selbstverständ- lich vorausgesetzt, daß die Frage, ob man den»Wallenstein« gelesen habe, geradezu eine Beleidigung wäre. Aber auch der minder Gebildete kennt das»Lied von der Glocke« oder eine der Balladen, und wenn selbst das nicht der Fall sein sollte, gebraucht er wenigstens, ohne es zu wissen, Schillersche Verse, die zu geflügelten Worten geworden sind. Ja, wer sonst keine anderen deutschen Dichter aufzuzählen wüßzte, dem wird doch der Name Schiller nicht fremd sein. Denkmäler auf öffentlichen Plätzen, Büsten und Bilder in Geschäftsauslagen und Wohnungen haben uns auch mit seinen Gesichtszügen vertraut gemacht.

Bei solcher Berühmtheit darf es uns nicht wundern, daß junge Leute mit der größten Erwartung ins Theater oder an die Lektüre gehen, sobald es sich um ein Werk des»Dichterfürsten« handelt.

Aber mancher junge Leser oder Zuschauer erlebt da eine Ent- täuschung. Das Stück wirkt lange nicht so stark, als er gedacht hatte; ja, wenn er nicht fürchtete ausgelacht zu werden, würde er gestehen, daß ihm selbst ganz unberühmte Stücke besser gefallen haben. Auch unter Erwachsenen hört man öfters, daß ihnen Schiller nicht Zzusage, daß er sie kalt lasse u. dgl. Wie sollen wir uns nun diesen Wider- spruch zwischen Schillers beispielloser Berühmtheit und der verhältnis- mäßig geringen Wirkung erklären? Beruht denn sein Ruhm auf einem Irrtum? Wie war es denn überhaupt möglich, daß er so berühmt wurde?

Wenn junge Leute bisweilen von Schiller enttäuscht Werden, so ist das leicht erklärlich. Sie haben meist nicht nur allzu starke Wirkungen erwartet, sondern auch gerade solche, welche mehr einer Abenteuer- geschichte als einer Dichtung zukommen, nämlich Unterhaltung, Auf- regung u. dgl., während sie an den Schönheiten des Werkes achtlos vorübergingen.

Schwieriger ist die Erklärung, wenn es sich um gebildete Erwachsene handelt, bei denen man nicht gut annehmen kann, daß sie das Wesentliche der Dichtung übersehen haben. Freilich nehmen auch sie nicht immer die richtige Stellung dazu ein und nicht selten wird die Wirkung durch die Einseitigkeit und Engherzigkeit der ästhetischen

1*