Aufsatz 
Zur Schiller-Feier.
(Ansprache an die Schüler der Anstalt, gehalten am 9. Mai 1905.)
Entstehung
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Auf alle Menschen will Schiller wirken; denn mit felsen- festem Vertrauen glaubt er an die Zukunft des Menschen- geschlechtes, das er mit dem ganzen verschwenderischen Reich- tum seines edlen und reinen Herzens liebt.

Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!

So erklingt es in seiner Seele. Und hiemit sind wir bei der ersten jener Ideen, welche Schillers Vermächtnis an sein Volk ausmachen, bei seinem Glauben an den Fortschritt angelangt. Seine Liebe ist, gleich der des Marquis Posa, dieWelt mit allen kommenden Geschlechtern, auch er ist wie der edle Mal- teserein Bürger der Jahrhunderte, die da kommen werden. Und diese Hoffnung auf die einstige Vollkommenheit und das einstige ungetrübte Glück der Menschheit kann sich nicht als eitler Wahn erweisen, denn:

Was die innere Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Wie aber stellt sich unser Dichter jenes zukünftige goldene Zeitalter vor? Nur frei kann er sich das Menschengeschlecht glücklich denken; Freiheit ist für ihn die Grundbedingung für das Glück. Schon die Natur gewährt jedem dieses höchste Gut.

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, Und würd' er in Ketten geboren,

ruft er uns zu und meint wohl damit: der Mensch kann das Gute lieben und wählen, das Böse hassen und vermeiden. Diese uns von der Natur gesicherte Freiheit ist es, die unsere innere Würde schützt und Maria Stuart in Schillers Drama ausrufen läßt:Man kann uns niedrig behandeln, nicht erniedrigen! Aber mit dieser unveräußerlichen und durch keine Macht ver- letzbaren Freiheit begnügt sich Schiller nicht. Noch in ganz anderem Sinne verlangt er Freiheit für das Menschengeschlecht. Schon sein erstes Stück,Die Räuber, trügt als Motto:In tyrannos! und gegen Tyrannei, sei nun dieses Ubel innerhalb der Gesellschaft durch Entfernung von der Natur entstanden, sei es durch die Entwicklung des Staates oder fremde Eroberer veranlaßt, käümpft er in fast allen seinen Dramen. Nirgends aber hat Schiller seine Ansicht vom unbedingten Rechte des Menschen auf Freiheit klarer und rückhaltsloser ausgesprochen als gerade in der letzten und reifsten seiner vollendeten Dichtungen, im Wilhelm Tell, indem er Stauffacher die berühmten Worte sprechen läßt:

Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,

Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last, greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel

Und holt herunter seine ew'gen Rechte,

Die droben hangen unveräuberlich

Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.