Aufsatz 
Zur Schiller-Feier.
(Ansprache an die Schüler der Anstalt, gehalten am 9. Mai 1905.)
Entstehung
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mit Schillers Andenken bestellt, lebten nicht seine Dichtungen unvergänglich fort im Herzen des deutschen Volkes. Der Betrachtung von Schillers Werken wollen wir uns

nunmehr zuwenden und unsere frühere Frage nach Schillers Bedeutung einschränkend erwägen: Was sind uns seine Werke?

Haben wir früher, bei Betrachtung von Schillers Leben, dieses als großes, leuchtendes Vorbild erkannt, so erinnern wir uns jetzt vor allem jener Stunden reinen Genusses, die uns die Lektüre seiner Dichtungen und gute Aufführungen seiner Dramen auf dem Theater verschafft haben. Den hochherzigen Räuber Karl Moor, das edle Freundespaar Carlos und Posa, Wallenstein, Max Piccolomini, Johanna von Orleans, Maria Stuart, Wilhelm Tell und all die anderen herrlichen Gestalten, mit denen Schiller die Phantasie der Deutschen bevölkert hat, wir würden sie nimmer missen wollen. Wir gedenken all der trefflichen ge- flügelten Worte, die Schiller mit unvergleichlicher Kraft der Rede geprägt hat und die niemals verklingen werden, solange Deutsche ihre Sprache reden. Wir bewundern Schillers dich- terisches Können umsomehr, wenn wir uns von der Literatur- geschichte belehren lassen, wieviel er aus sich selbst und aus Lektüre geschöpft und wie wenig ihm Außenwelt und Leben geboten haben. Niemals ist seinem leiblichen Auge der Anblick der Schweiz zuteil geworden, jenes Landes, das er uns doch im Wilhelm Tell so farbenprächtig zu vergegenwäürtigen weiß, daß jeder Besucher des Vierwaldstättersees über die Naturtreue des dichterischen Gemäldes entzückt ist. Ein Mühlbach hat neben der Lektüre dem Dichter desTauchers die An- regung geboten zu jenem gewaltigen Bilde der Charybde, in deres wallet und siedet und brauset und zischt, wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt.

Aber nicht dem Dichter allein gilt der Festesjubel des heutigen Tages, ja des ganzen Jahres 1905, das man mit Recht allgemein als das Schillerjahr bezeichnet. Schiller, der Führer und Lehrer des deutschen Volkes, ist vielmehr der Held, zu dem wir dankbar und bewundernd bei diesem Anlaß empor- blicken. Mit seinen Meisterwerken hat er den Deutschen nicht bloß einen Schatz an köstlicher Poesie beschert, sondern ihnen auch eine Fülle wertvoller Ideen ins Herz gesenkt, die, wie wir hoffen, niemals wieder daraus schwinden werden. Er, der philo- sophischeste aller deutschen Dichter, der Schüler und Weiter- bildner von Kants erhabener Lehre, hat es nämlich vortrefflich verstanden, seinen Gedanken eine solche Form zu geben, daß sie auch dem einfachen und ungeschulten Sinn zugänglich sind. Nicht an einen engen Kreis auserlesener und vorgebildeter Zu- hörer, an die ganze Nation, ja an die ganze Menschheit richtet dcheller ein Volksdichter im edelsten Sinn des Wortes, seine Rede.