Aufsatz 
Ein Jahrhundert aus der Geschichte der höheren gelehrten Schulen Fuldas : 1734-1835 : Festschrift zur Feier des 50. Stiftungsfestes des jetzigen Königlichen Gymnasiums zu Fulda am 25. Mai 1885 / von Prof. Jakob Gegenbaur
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

einzigen künftigen Gelehrten zur Schande gereichen, wenn er in der Sprache seiner Väter unter- richtet ist; b) für Griechisch und Latein: Weil wir in den beiden alten Sprachen die besten Werke des Geschmacks von den alten Griechen und Römern, die kostbarsten Schriften für die Religion von den hl. Vätern besitzen. Die lateinische Sprache ist ferner die Sprache der katholischen Kirche und neben der deutschen die Sprache des römisch-deutschen Reichs; sie ist das Band zwischen den Gelehrten der ganzen Welt. Die Griechische verdient noch wegen der hl. Schrift besondere Beachtung; c) für das Französische um deswillen, weil es der einmal herrschende Ge- schmack einem Gelehrten fast notwendig gemacht hat.

Die Kenntnis der Sachen erstreckt sich hauptsächlich a) auf Religion, Glaubens- und Sitten- lehre und die damit verbundene Geschichte des alten und neuen Bundes, b) auf die Wissenschaften, Rede- und Dichtkunst, c) auf die ganze Geschichtskunde, verbunden mit Geographie und Chrono- logie, d) auf Naturgeschichte und Naturlehre, nebst einem Abriss von der Staats- und Landwirt- schaft, Kunst- und Handlungswissenschaft, e) auf Mathematik, besonders Rechenkunst, Mechanik und Baukunst.

Die Mittelschulen umfassen 4 Kurse. Die Aufsicht darüber erhielt als Direktor der Welt- priester Johann Baptist Hillenbrand; zum Unterricht wurden 9 Lehrer der Art bestimmt, dass für jede einzelne Gattung der Lehre ein eigener Professor ernannt wurde. Für jedes einzelne Unter- richtsfach in den 4 Klassen wurde ein genauer Plan vorgeschrieben, der so ziemlich alles enthält, was dazu dient, einem gewandten und fleiszigen Lehrer genau die Wege zu zeigen, auf welchen die Klassenziele zu erreichen sind. Also neben der Anfertigung von Aufsätzen in der 1. und 2. Klasse wird im Deutschen auch die Ausarbeitung von Briefen, wie sie in dem gemeinen Leben so oft vor- kommen, empfohlen und vor allem verlangt, dass gute Muster dazu gegeben werden und dass auch Übersetzungen aus dem Lateinischen in's Deutsche schriftlich stattfinden sollen. Rechtschreiben, Satzbau, Verskunst werden in der ersten und zweiten Klasse eingeübt. Für die erste Klasse im Latein Etymologie, besonders Deklination und Konjugation; die leichteste und nötigste Lehre vom Satzbau wird gleich mündlich und schriftlich geübt; übersetzt werden kurze, leichte Sätze,doch von einem lehrreichen Inhalt. Dann erst wird Büschings liber latinus zu ferneren Übersetzungen gebraucht. Stundenzahl 10. In der zweiten Klasse wird die Grammatik fortgesetzt; zur Lektüre werden als Schriftsteller empfohlen Mela, Nepos, Phaedrus, Caesar, Terentius, Ciceronis Cato, Laelius und Epistolae, Ovidius. Hinzugefügt wird, dass die lateinische Sprache nicht gelernt werden soll wie die griechische, um ein Buch zu verstehen, sondern um darin reden und schreiben zu können. Täglich wird zu der Übung in Gesprächen die letzte Viertelstunde der Schulzeit verwendet. Der Stoff zur Unterredung wird vorher angezeigt. Neben dieser täglichen Ubung versammelt der Di- rektor an Sonn- und Feiertagen die zwei Klassen im Seminar, um mit ihnen ein lateinisches Ge- spräch zu halten, meistens vom Christentume, vom Evangelium des Tags oder von den Umständen des Festes. Die schriftlichen Ubungen sind mehr aus dem Lateinischen in das Deutsche als um- gekehrt zu machen. Die Aufgaben zum Obersetzen ins Lateinische sollen stets aus den besten latein. Klassikern gewählt werden, damit der Lehrer bei der Korrektur allzeit ein gutes Latein vorlegen kann. Diese Aufgaben werden von den Schülern in ein eigenes Buch unter dem Titel Chrestomathia Latina eingetragen. 7 Stunden wöchentlich. In der griechischen Sprache wird in