n ung, zum Verständnis der wirklichen Welt, der Natur nicht anleiten, sondern den Sinn dafür abstumpfen; dass sie die Jugend überbürden und die körperliche Ausbildung vernach- lässigen u. dergl. m.
Alle diese Vorwürfe eingehend zu widerlegen, würde mich hier zu weit führen. Aber ich hebe doch hervor, dass gerade die Einführung in das Altertum, auf dessen Kul- tur die moderne beruht, notwendig ist zum gründlichen Verständnis der Gegenwart. Es ist ein Bedürfnis des menschlichen Geistes, das was ist, denkend zu begreifen; seinen Anfängen, seinem Werden und Wachsen nachzugchen; aus den Quellen zu schöpfen, aus denen die Ströme entspringen, von denen unser gegenwärtiges Leben befruchtet wird. Alle historische Forschung beruht auf dem Studium des Altertums, alle unsere grossen Geschichtsforscher sind von ihm ausgegangen, haben sich an der alten Litteratur gebildet und dadurch in den Stand gesetzt, unsere geschichtliche Erkenntnis zu der Höhe zu füh- ren, auf der sie jetzt steht. Unsere bildende Kunst, unsere Poesie hat stets an der antiken sich erhoben und erbaut und diese als nachahmenswertes Muster angesehen; unsere ganze moderne Kultur beruht auf dem Wiederaufleben der Wissenschaften im 16. Jahrhundert, d. h. auf dem Wiederaufleben der Altertumsstudien. Keiner hat bekanntlich mehr als Luther auf das Studium der Sprachen, der alten Sprachen, gedrungen und das Gedeihen der theologischen Wissenschaft, ja des religiösen Lebens, davon abhängig gemacht. Hat dies etwa seinem Patriotismus Eintrag gethan, hat er seinem deutschen Stil geschadet durch fortwährende Beschäftigung mit den alten Sprachen? oder die späteren Klassiker, ein Lessing, Wieland, Schiller und Goethe. Nein, es ist umgekehrt; sie haben sich an den Alten gebildet. Sollte das jetzt anders geworden sein? Sollte es überhaupt einen besseren Weg geben, um zur Herrschaft über die Muttersprache zu gelangen, als die tagtägliche Übersetzung aus fremden Sprachen, durch die endlich auch bei den Schwächeren eine ge- wisse Übung und Gewandtheit im Ausdruck erzielt werden muss. Und doch hat man auch dies, dem Augenschein und der gesunden Vernunft zum Trotze, in Abrede zu stellen gewagt.
Dass ferner die Gymnasialbildung eine formalistische, einseitige Verstandesbildung sei, kann nur der behaupten, der sich absichtlich der Beobachtung verschliesst, dass die Behandlung der griechischen und römischen Schriftsteller darauf gerichtet ist, ihren Inhalt voll zum Verständnis und Genusse zu bringen, den Geschmack an denselben zu bilden, das Gefühl anzuregen und den Willen zu stählen. Ja, sie sind eine unerschöpfliche Fund- grube, an der sich Geist und Gemüt erfrischen und erheben, für das echt Menschliche, Grosse und Schöne erwärmen und begeistern kann. Ein Hauch ewiger Jugend ist über sie ergossen, von dem das ganze innere Leben ergriffen wird und einen unzerstörbaren Eindruck empfängt. Das stumpft aber nicht gegen das uns umgebende neue Leben ab, sondern öffnet die Augen des Leibes und Geistes zu richtiger Auffassung und Beurtei- lung desselben.
Wirft man uns vor, die Jugend zu überbürden und ihrer körperlichen Entwicke- lung zu schaden, so frage ich, wo sind die Anstalten, die mehr auch die Gymnastik pflegen? Weist uns nicht gerade das Vorbild der Alten darauf hin, ihr besondere Auf- merksamkeit zu schenken? Und hat es ein Volk gegeben, wo man die Harmonie körper- licher und geistiger Kraft höher geschätzt, eifriger erstrebt hätte als die Griechen? Sind wir taub geblieben gegen die Mahnung, die von ihnen zu uns herübertönt? Ubt nicht auch
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