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Aber freilich geht leider neben diesen bewundernswerten Fortschritten auf allen Gebieten menschlicher Kultur eine Strömung her, welche der Schule ihre Arbeit wieder nicht wenig erschwert. In weiten Schichten unseres Volkes hat gerade in Folge der Ver- änderung in den Verkehrsverhältnissen, in Handel und Wandel, und die damit verbun- dene Hebung des Wohlstandes das Streben nach weltlichem Besitz und irdischem Gut in erschreckendem Masse überhand genommen und in Verbindung damit ein Jagen nach Lebensgenuss, das keine Zeit lässt zu ruhiger Besinnung und Vertiefung. Das Familien- leben leidet darunter Not, die geselligen Genüsse und Vergnügungen, in Uberzahl genossen, erschlaffen statt zu erfrischen; an die Stelle der früheren Einfachheit tritt Pracht und Ver- schwendung. Dagegen treten die höheren Interessen zurück und edlere Genüsse werden verschmäht. Durch Schriften, in denen man alles als überwunden verhöhnt, was bisher als Grundlage der Sittlichkeit galt, wird dieser Geist genährt und eine materialistische Lebensanschauung auch auf wissenschaftlichem Wege zu-begründen gesucht. Eine ernstere Führung des Lebens wird wohl als Engherzigkeit und Thorheit verschrieen. Gerade bei der unreifen Jugend, welche mit ihrem Urteil leicht fertig ist, findet diese Richtung nicht selten Anklang, weil sie den Sinnen schmeichelt. Zu welchen Erscheinungen das leider in den niederen Schichten des Volkes führt, wissen wir alle; aber auch die mittleren und höheren Stände sind sich vielfach der Pflicht nicht mehr bewusst, mit dem Beispiel mässi- gen und einfachen Lebensgenusses voranzugehen. Dass die Erziehung dadurch nachteilig beeinflusst werden muss, liegt auf der Hand. Die Jugend wird meist zu früh in das Wohlleben und die Genusssucht mithineingezogen und verliert dadurch die Lust und Freu- digkeit zu ruhiger Arbeit. Die gründliche Vertiefung in den Unterrichtsstoff, das Geist und Herz bildende Studium der Wissenschaften wird vernachlässigt und nur so viel auf- gerafft, dass man zur Not die Prüfungen bestehen und möglichst rasch zu sicherem Brode gelangen kann. Wärme und Begeisterung für die Wissenschaft, uneigennützige, opfer- bereite Erfüllung des Berufes sind, darüber wird kaum ein Zweifel bestehen, gegen früher seltener geworden.
Dem gegenüber ist es eine schwere aber dringende Aufgabe der Schule, den idealen Sinn der Jugend zu wecken und zu erhalten; und keine Schulen sollte man mehr zu heben und pflegen suchen, als diejenigen, welche die meisten und besten Mittel dazu be- sitzt; in denen nicht gefragt wird, was verhilft am raschesten zum Broderwerb, sondern was erhebt den Geist zu höherem edleren Streben, was befähigt ihn zu gründlichem Be- treiben der Wissenschaft, was regt ihn am meisten an zum Denken und Forschen, was giebt die sicherste Grundlage zu ernster Lebensführung und zu würdiger Auffassung des späteren Berufs? Dass die Gymnasien dazu die rechten Mittel besitzen, wird kein Ein- sichtiger leugnen können. Und doch sind diese gerade in neuester Zeit, und das hängt mit der materiellen Richtung der Zeit zusammen, der Gegenstand vielfältiger Angrifle ge- worden. Welche Anklagen werden nicht gegen sie erhoben? dass sie durch Beschäftigung
mit den alten Sprachen die Zeit vergeuden und von dem Verständnis des reichen Lebens der Gegenwart abziehen; dass sie die Jugend im Altertum heimisch machen und darüber das Vaterland vergessen; dass sie durch Beschäftigung mit der Grammatik einseitige, for- male Verstandesbildung erzielen und Bildung des Gemüts und Willens versäumen; dass sie den Gebrauch und die Ubung in deutscher Sprache, dass sie die Kenntnis der deut- schen Litteratur vernachlässigen, ja den Stil der Schüler verderben; dass sie zur Anschau-


