Aufsatz 
Festrede am Gedächtnistag des Todes Schillers
Entstehung
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Zeiten und Zustände, die ursprünglich seinem Gefühl fremd waren; während er im Don Carlos dem katholischen Mittelalter noch voreingenommen gegenüber- stand, lebt er sich jetzt darein ein und sucht es von innen heraus zu gestalten. Und noch mehr. Während ihn früher nur Personen und Handlungen reizten, die seinem Herzen nahestanden, so veranlasste ihn jetzt sein künstlerischer Trieb, sich eines Stoffes zu bemächtigen.., Aber bald wird sein Herz davon in Mitleiden- schaft gezogen; es durchdringt ihn und erfüllt ihn mit schönerem Leben. Während er noch von Wallenstein an Goethe schrieb, noch nie habe er für sein Sujet eine solche Kälte empfunden, während er hier noch die Episode von Max und Thekla mit unverkennbarer Liebe behandelte, übertrug er diese Liebe in der Jungfrau von Orleans auf das Mädchen selbst, das doch seinem persönlichen Gefühl wenig bot; darum konnte er ihm das Geleitwort mitgeben:»Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben.« Mit vollkommener Naivität steht er dem Wunderglauben der Zeit gegenüber; kein Wort verrät den aufgeklärten Philosophen; ein Calderon hätte die Jungfrau nicht mit einem reineren Glorienschein umgeben können.

So hatte sich die innere Wandlung in Schiller vollendet. Aber sein rastlos strebender Geist konnte sich nicht mit dem Erworbenen begnügen; in immer reinere Sphären stieg er empor, und die letzten Schatten sollten aus seinem Wesen verschwinden. Er kannte seine Vorliebe für den Glanz des Wortes und die Reflexion. Alle Personen sprachen mit einer leichten rhetorischen Färbung. Monologe und lyrische Partien hielten den Gang der Handlung auf. Auch diese Eigenheiten wollte er überwinden. In der Braut von Messina suchte er die Reflexion von der Handlung zu trennen, indem er in antiker Weise den Chor wieder einführte. Daher erhebt sich diese, in gedrängter Knappheit fortschreitend, zu furchtbarer tragischer Grösse. Um so freier erging er sich in den Reden des Chors. Die Tiefe der Betrachtungen und die Pracht der Sprache ziehen den Hörer unwiderstehlich in ihren Bann. Aber die Unterbrechungen der atemlos verfolgten Handlung lassen sich schwer ertragen, und nur Schiller konnte darüber triumphieren; so ist das Werk seine eigene Gattung geblieben.

Im Tell finden wir den Chor nicht mehr. Aber gleich der Eingang führt uns in eine neue Welt. Ein solches Lied wie das des Fischerknaben war Schiller noch nicht gelungen. Eine solche natürliche, charakteristische und doch dichterische Sprache wie die Unterredung zwischen Ruodi, Kuoni und Werni hören wir im Gewand des Blankverses zum erstenmal. Und dieser glückliche Ton hält durch- weg an. Man vergleiche Amalias Gesang,»Schön wie Engel, aus Walhallas Wonne,« Theklas Klage,»Der Eichwald brauset, die Wolken ziehen,« und Walters Liedchen:»Mit dem Pfeil, dem Bogen.« Amalia singt in den Tönen eines Stürmers und Drängers, Walter in denen eines Kindes. Amalias Lied ist nur zu verstehen aus der damaligen Zeit und Schillers Gemütsverfassung: Walters Lied wird jeder deutsche Junge immer gern singen. Was tut es, dass der Dichter für das Schauspiel den straffen Gang der Handlung verschmähte? Wir wissen ja, dass er darin Meister war. Dass er ein ganzes Volk zum Helden machte,