Aufsatz 
Festrede am Gedächtnistag des Todes Schillers
Entstehung
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seine schlaflosen Nächte benutzte, um die Kürze der ihm noch vergönnten Zeit zu verlängern. In dem Masse, wie sein Körper zerfiel, wuchs sein Geist, zu immer höherer Vollendung schreitend, in immer neuen Wunderwerken unzerstörbare Denkmäler dieses gewaltigen Kampfes errichtend.

Die Horen kündigten die neue Zeit an. Sie zeigten zuerst die junge Freund- schaft mit Goethe. Dieser hatte schon längst und viel leichter wie Schiller den Sturm und Drang seiner Jugend überwunden. An seiner Leichtigkeit, sich über den Stoff zu erheben, rang sich der Jüngere empor. Dafür riss dessen kräftigere Individualität den schon ruhenden Gefährten zu neuem Wettlaufe mit. Was den Horen nicht gelang, erzwangen die Xenien; sie zogen die Augen der Welt von der leichteren Mittelmässigkeit ab auf die beiden kühnen Männer. Und nun begann eine fieberhafte Tätigkeit. Als Goethe bald darauf erlahmte, schritt Schiller allein auf der Sonnenbahn fort; er hat der Wende des Jahrhunderts den Stempel seines Geistes aufgedrückt. Seine kulturhistorischen und philosophischen Gedichte, seine Balladen bereiteten auf Gröõsseres vor; sein»Lied von der Glocke« bedeutet einen nicht wieder erreichten Höhepunkt des menschlichen Geistes. Im Drama aber enthüllte seine gereifte Kunst sich ganz.

Schon hatten Lessing, Goethe und Schiller selbst das deutsche Drama über die Franzosen emporgehoben; der Wallenstein stellte es ebenbürtig zwischen die Griechen und Briten. In jahrelangem Ringen mit dem gewaltigen Stoff war das Riesenwerk entstäanden. Schillers Technik hat hier in der Bewältigung der Massen Ungeheures geleistet. Aber nirgends mehr sieht man den Schweiss der Arbeit; die Gestalten stehen vor uns, als ob ein Gott sie frei geschaffen. In finsterer Grösse, aber doch in durchsichtiger Klarheit erwächst der Charakter des Helden. Nichts ist zweifelhaft an ihm; wo die Handlung nicht erklärt, ent- hüllt er sein Innerstes in tiefsinnigen Monologen. Trotz seines Ehrgeizes, der vor dem Verbrechen nicht zurückschaudert, trotz des Bewusstseins von der Not- wendigkeit seines Todes zieht uns seine grosse Seele wie Max in ihren Bann. Ihm gegenüber ragt die Sphinxgestalt Oktavios, vieldeutig wie Hamlet, und doch wahr wie der einfachste Charakter. Zwischen ihnen, im Gegensatz zu beiden, steht die leuchtende Gestalt des Max; mit ihm hat Schiller seinem Herzen genug getan, ohne, wie durch Posa, Gang und Ziele der Handlung zu verrücken. Um diese Hauptpersonen drängt sich ein Heer von anderen, alle mit fester Hand gezeichnet, alle Kinder ihrer Zeit, aber jede ein eigener Charakter, vom Soldaten bis zum General. Schon gewinnt eine Frau, die leidenschaftliche Gräfin Terzky, entscheidenden Einfluss auf die dramatische Entwicklung, und weist so auf die folgenden Dramen hin, in denen Frauen im Mittelpunkt stehen: Maria Stuart, die Jungfrau von Orleans, Isabella.

Nachdem dieser grosse Wurf dem Dichter gelungen war, nachdem er sich im Vollbesitze der neuen Kunst wusste, fielen ihm leichter gereifte Früchte zu. Maria Stuart und die Jungfrau von Orleans zeigen die sichere Hand des Meisters. Immer weitere Gebiete umfasste sein Blick; er versenkt sich mit Leichtigkeit in