Aufsatz 
Festrede am Gedächtnistag des Todes Schillers
Entstehung
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langen Zeit, in der die Dichtung langsam reifte, sein Interesse von Carlos auf den Marquis übertrug. Noch war seine Neigung stärker als der Künstler in ihm; er musste etwas haben, um sich selbst genug zu tun. Er rückte diese Lieblings- gestalt unkünstlerisch in den Mittelpunkt. So viele herrliche Züge er ihr ver- liehen, dem Drama war sie nicht von Vorteil. Die ersten drei Akte schreiten klar und sicher voran; die beiden letzten scheinen hin und her zu schwanken. Die Motive, die den Marquis leiten, sind kaum erklärlich, und ohne die»Briefe über Don Carlos«, in denen er, wie er selbst an Körner schreibt, eine»schlimme Sachex zu verfechten hatte, würde sich noch heute der Streit der Meinungen nicht gelegt haben. Aber trotz seiner Mängel ist das Werk dem deutschen Volke und besonders seiner Jugend ans Herz gewachsen.*

Die äussere Ausbildung seiner Persönlichkeit vollendete Schiller in Weimar im Verkehr mit dem Hofe und mit der literarischen Welt, in Rudolstadt in der Familie seiner zukünftigen Frau; die Ausbildung seines Geistes leitete er selbst mit klarer Selbsterkenntnis durch die Gebiete der Geschichte und Philosophie. Auf beiden ist er schöpferisch tätig gewesen; aber trotz der Tüchtigkeit seiner Werke liegt ihre eigentliche Bedeutung in ihrer befruchtenden Wirkung auf seine Dichtungen. Die Geschichte bereicherte seinen Geist, die Philosophie klärte ihn; die Geschichte gab ihm neue Stoffe, die Philosophie eine neue Behandlungsweise. Er erkannte, dass er das leidenschaftliche Begehren seines Geistes, sich selbst in den Hauptpersonen seiner Werke geltend zu machen, zurückdrängen müsse, dass die reine Liebe des Künstlers jede Gestalt um des Ganzen willen mit gleicher Lust erschaffe. Die Kunst selbst aber ward sein Ideal. Was er in seiner Jugend dunkel gefühlt, was er in den Künstlern mit dichterischer Begeisterung verkündet, baute er jetzt mit dem Scharfblick des Philosophen zu einem System. Die Kunst erzieht und veredelt den Menschen; sie befreit ihn aus dem engen Kreis des täglichen Lebens; aber sie löst diese Aufgabe gleichsam unbewusst, wenn sie einzig und allein der Schönheit zustrebt. Diese Uberzeugung ward seine Religion. Als Priester dieser erhabenen Kunstlehre stellte er an sich selbst die höchsten Anforderungen, denn nur in einer reinen Persönlichkeit kann das Bild der Schön- heit sich rein spiegeln.

Fast zehn Jahre hat dieser Läuterungsprozess gedauert, viel zu lange für die Sehnsucht der Nation. In diese Zeit fällt seine Vermählung mit Charlotte von Lengefeld im Jahre 1790, die ihm eine treusorgende und feinfühlende Lebens- gefährtin wurde. In diese Zeit fällt aber auch der erste Anfall des schweren Lungenleidens, von dem er nicht mehr genesen sollte. Sein Körper war nie besonders stark gewesen; aber von jetzt ab zehrte die unheimliche Krankheit in seiner Brust, bis sie ihn nach 13 Jahren dahinraffte. Wie ein roter Faden ziehen sich jetzt durch seine Briefe die Klagen über immer neue Anfälle des tückischen Leidens. Mit dem klaren Bewusstsein seines Zustandes schritt er seinem Ziele zu. Ein Schauspiel ohnegleichen, niederdrückend und erhebend zugleich, wie er seinem kranken Körper immer neue Tage angestrengter Arbeit abrang, wie er