— 24—
auf einem sozialen Hintergrunde von schauriger Düsterheit abhoben. Ferdinand ist wieder sein eigen Fleisch und Blut, und Luise trägt Züge der geliebten Charlotte von Wolzogen. Aber auch die Welt um sie hatte er durchlebt. Daher reisst uns auch hier das echte Pathos der Räuber fort, aber geleitet von einem edleren Geschmack, durchdrungen von dem Geiste des bewusst arbeitenden Künstlers; Gestalten, die sich dem Gefühl des Dreiundzwanzigjährigen nicht erschlossen, erstehen in plastischer Meisterschaft; mit dem dramatischen Instinkt vereinigt sich eine sichere Technik zu einem Gang der Handlung ohnegleichen. Schillers Kabale und Liebe bedeutet einen Höhepunkt in seinem Leben und in der Literatur- geschichte; sie steht als ragendes Mal in der Reihe der realistischen Dramen, ein getreues Abbild einer furchtbaren Wirklichkeit und doch beseelt vom Hauche der Poesie bis zum letzen Worte.
Weht in diesem Drama auch noch der Sturm von Schillers Jugend, so ver- künden doch überall Spuren neuen Lebens, dass es Frühlingsstürme sind, Vor-— boten einer neuen Zeit. Die bitteren Mannheimer Erfahrungen nach der Flucht, das Bauerba cher Idyll klingen im Drama nach. Aber stärkere Schläge mussten ihn treffen, um den Dichter des Don Carlos zu schmieden. Diese brachte ihm sein zweiter Aufenthalt in Mannheim, so reich an Erfolgen und Ehren, aber reicher an Enttäuschungen. Hier konnte er die Menschen kennen lernen, die sich ihm nur zu oft in armseliger Entblössung zeigten. Ihren bewegten Abschluss fand diese Zeit durch die verzehrende Leidenschaft zu Charlotte von Kalb, und, unfähig, des»Herzens Flammentrieb« zu dämpfen, flüchtete er, einer Einladung unbekannter Verehrer folgend, nach Leipzig und Dresden.
Dieser Schritt ins Ungewisse ward ihm zum Heile. In Dresden fand er an Körner einen Freund, der ihn stützte und hob, der in nimmermüdem, selbstlosem Beistand seine hohen Gaben dazu benutzte, ihn zu beraten und zu ermutigen, um auf dem Dornenpfade zur Hõhe der Kunst nicht zu erlahmen. Sein Umgang reinigte ihn von so manchen Schlacken, so manchem Gewalttätigen und Uber- triebenen, das dem Stürmer und Dränger noch anhaftete. So schritt er zur Vollendung des Don Carlos, dessen erster Entwurf noch in die Bauerbacher Zeit zurückreicht. Aber jetzt spricht ein anderer Mensch zu uns. Solche wunder- vollen Verse waren auf dem deutschen Theater noch nicht erschollen. Eines solchen Glanzes hatte man die deutsche Sprache nicht fähig gehalten. Weg waren die Masslosigkeiten und Geschmacksverirrungen, die in früheren Zeiten ein an franzöõsische Eleganz gewöhntes Publikum erschreckten. Aber auch die rote Fahne war zusammengerollt; der stürmende Revolutionär war zum Reformator geworden, unter dem Banne seiner hinreissenden Rede sollten die Menschen freiwillig auf den Opfertisch legen, was ihnen Karl Moor und Ferdinand mit Gewalt abtrotzen wollten. Er, der noch kürzlich unter Räubern in den böhmischen Wäldern gelagert, trägt jetzt mit stolzer Würde den Mantel des spanischen Granden. Das Herz des finstersten Königs ist ihm vertraut; die Geheimnisse der edelsten Königin hat er belauscht. Es bleibt ewig schade, dass Schiller während der


