Aufsatz 
Festrede am Gedächtnistag des Todes Schillers
Entstehung
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Jamben des Don Carlos berauschen.. Hätte er Goethe nicht an seine Seite gezwungen, so wären seine letzten Lebensjahre nicht die glücklichsten der deutschen Literatur geworden.

Seine Jugend verbrachte Schiller in der Karlsschule. Diese war so recht das Abbild ihres Schöpfers, des Herzogs Karl Eugen, in ihrer Art grossartig, aber in ihrer ganzen Anlage verfehlt. Während schon aus Frankreich die neuen Lehren Rousseaus herübertönten, die eine lebendige Entwicklung aller Kräfte forderten, setzte die Karlsschule sich das Ziel, die Menschen zu Maschinen des Herzogs zu machen. Schillers starke Eigenart konnte dem Druck der Schule nicht erliegen, aber die hochgespannten Gegensätze führten zu einer Entladung, zu einem vulkanischen Ausbruch, und das Produkt dieses Ausbruches liegt uns vor in den Räubern. Noch fühlen wir darin, wie jede Fiber des Jünglings zitterte, wir sehen seine Augen glänzen, seine Wangen gerötet, und wir fragen uns, wie der Körper des kaum Zwanzigjährigen die Zuckungen der übermächtigen Leiden- schaft ertrug. Er selbst schrieb später an Körner:»Was ich bin, bin ich durch eine oft unnatürliche Spannung meiner Kraft.« Und welchen Raum durchmass die Seele des weltfremden jungen Dichters! In derselben Brust wohnte das schrankenlose Freiheitsbegehren Karl Moors und wühlten die grauenhaften Gedanken des Franz, deren verbrecherische Logik vor den heiligsten Rätseln der Natur nicht zurückschaudert. Und aus solchen Gegensätzen konstruiert er die Handlung, alles in raschem Flusse, in starker Steigerung, mit Höhepunkten, die zu den dramatischen Naturlauten zählen, und die Zeitgenossen sahen die hoch- geschwungene Geissel auf verderbte soziale Zustände fallen fürwahr, man versteht es, wenn bei der ersten Aufführung die Zuschauer fast die Besinnung verloren, ihre Augen rollten, die Fäuste ballten sich, heisere Aufschreie wurden laut:»Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung, wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht.«

Die Wirkung der Räuber beruht aunf der unmittelbaren Offenbarung des Genius. Bewusste Kunst und Geschmack darf man in ihnen nicht suchen; aber der Stoff verlangte sie auch nicht. Andere Anforderungen stellte die grosse historische Tragõdie, die Schiller jetzt begann. Im Fiesko mussten geschichtliche Personen mit bestimmten Leidenschaften auftreten, und der Dichter konnte noch erst seine eigenen geben; seelenlose Staatsaktionen mussten sich abspielen, und der Dichter kannte noch erst Handlungen aus seinem Herzen. Unter diesem Zwiespalt hat der Fiesko gelitten. Aber wo das Herz versagte, da bildeten sich die ersten Keime bewusster Kunst; unter oft erbarmenswürdigen äusseren Umständen, die den Schwung der jungen Seele lähmten, entstanden prächtige Scenen wie die zwischen Fiesko und seinem Mohren.

Dabei musste das Drama einer künstlichen Frühreife entgegengeführt werden, Denn mitten in der Arbeit drängten sich neue, mächtigere Gedanken in die Seele des Dichters. Ein Bild stieg in ihm auf von gewaltigen Leidenschaften, die sich