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Die Ordnung der Gedenkfeier war folgende: 1. Largo von Händel(Schülerkapelle). 2. Prolog. 3. Gesang: 1. Chor aus dem Lied von der Glocke, von Romberg. 4. Deklamation: a. Das Mädchen aus der Fremde. b. Der Handschuh. c. Die Worte des Glaubens. Gesang: 2. Chor aus dem Lied von der Glocke, von Romberg. 6. Deklamation: a. Das Siegesfest. b. Chor an der Leiche Don Manuels aus der Braut von Messina. c. Sängers Abschied. 7. Gesang: a. Mit dem Pfeil, dem Bogen, v. B. A. Weber. b. Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, v. A. Weber. 8. Gedächtnisrede des Oberlehrers Dr. Verbeek. 9. Gesang: An die Freude, von Beethoven(Schülerchor und-Kapelle).
Die Rede des Herrn Dr. Verbeek geben wir hier in ihrem Wortlaut wieder.
Königliche Hoheit! Hochverehrte Versammlung!
Heute sind 100 jahre verflossen, seit Schiller in Weimar die Augen schloss. Schon damals fand Goethe das erlösende Wort, womit er die Trauer über den unersetzlichen Verlust bemeisterte, als er ausrief:»Denn er war unser! Mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltig übertönen!« So beherrscht auch den heutigen Tag nicht das Gefühl der Trauer, weil wir ihn so früh verloren, sondern das des Stolzes, dass er unser war. Soweit die deutsche Zunge klingt, ist kein Gemeinwesen so klein, das ihm heute nicht den Zoll seiner Liebe dar- brächte. Eine ganze Flut von Literatur ist erschwollen, und immer neue Schriften wetteifern, die Wahrheit des Goethe'schen Wortes zu erweisen:»Und hinter
ihm, in wesenlosem Scheine, lag, was uns alle bändigt, das Gemeine« Welcher
Feldherr, welcher Staatsmann ist geehrt worden wie der schlichte Dichter! Eine solche ausserordentliche Erscheinung muss auch ausserordentliche Gründe haben. Es ist nicht allein der ewig junge Reiz, den seine Dichtungen auf uns ausüben; auch andere Dichter halten die Hand an den schönsten Lorbeerkranz, den die Menschheit zu verleihen hat. Es ist besonders das schöne Bild seines Lebens, das uns immer neu gefangen nimmt; dieser beständige Kampf mit Not und Krankheit, dieses Ringen mit dem eigenen Genius, und die endliche Vollendung. Gestatten Sie, dass ich in grossen Zügen ein Bild seines Entwicklungsganges entwerfe.—
Auch Schiller ist ein Kind seiner Umgebung und seiner Zeit. Der Genius wird geboren, aber seine Entwicklung ist von unberechenbaren Einflüssen abhängig. Hätte die Morgenröte Goethescher Jugend Schillers Haupt umschimmert, wir hätten die Räuber und Kabale und Liebe nie gesehen. Hätte Körner nicht dem fast Versinkenden die Hand gereicht, wir würden uns nicht am Klange der


