Aufsatz 
Festrede am Gedächtnistag des Todes Schillers
Entstehung
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gibt ihm Gelegenheit, in prächtigen Massenszenen seine Kunst zu zeigen. Eine Landschaft, die er nie gesehen, umhüllt er mit dem Regenbogenglanz der Poesie. Sein Geist schwebt für alle Zeiten über den Wassern des Vierwaldstätter Sees; die Bergriesen, die ihn umgürten,hat er selbst zu gewaltigen Denkmälern seines Genius geschaffen.

Vierzehn Tage vor seinem Tode schrieb Schiller an Körner, dass sein Mut und seine Stimmung zur Arbeit wieder wüchsen. Er wolle zufrieden sein, wenn ihm Leben und leidliche Gesundheit bis zum fünfzigsten Jahre aushielten. Es sollte nicht sein. Das unerbittliche Schicksal hat ihn uns genommen. Das schreck- haft mitternächtg'e Läuten der Totenglocke, das in der Nacht vom 9. Mai Goethes Herz zerriss, tönt fort und fort mit ewiger Klage durch die unvollendeten Hallen des Demetrius; ihr Ton ruft uns erschütternd zu, was Schiller noch geworden wäre, eine Gestalt in der Weltliteratur ohnegleichen, um die Griechen und Engländer uns beneideten.

Wohl hat gerade an Schiller, viel ungestrafter als an Goethe, die Kritik ihr zersetzendes Handwerk ausgeübt, Schon von der Romantik her stammt der Vorwurf, dass er an lyrischen Stellen uns statt echter Poesie Rhetorik gebe. In der Tat machte seine starke Persönlichkeit ihm schwer, sich mit der Natur in eins zu setzen. Aber keiner erkannte diesen Mangel klarer als er selbst; er hat unablässig an seiner Beseitigung gearbeitet, und als er den Tell schrieb, hatte er ihn überwunden. Unberechtigt dagegen ist der Vorwurf der Naturalisten, dass er durch seine Idealisierung der Stoffe die Natur verfälsche. Sie wollen sie wieder splitternackend, dass man ihr jede Rippe zählen kann. Diese Kritik hat sich schon jetzt selbst gerichtet. Unberechtigt ist auch der Standpunkt jener Männer, die Goethe oder Shakespeare als Norm hinstellen und Schiller an dieser messen. Auch diese Dichter zeigen stärkere und schwächere Begabung in den verschiedenen Dichtungsarten, und jeder Genius hat das Recht, sich nach seiner Eigenart zu entwickeln. Schiller kann die Kritik leicht ertragen, denn unsere Grõssten haben sich vor ihm gebeugt. Richard Wagner hat ihm gehuldigt, und Gottfried Keller erklärte ihn zu seinem Lieblingsdichter. Keiner hat wie er in dem Herzen des deutschen Volkes Wurzel geschlagen, keiner hat einen so tiefen, veredelnden und versittlichenden Einfluss ausgeübt. Damit hat er erreicht, was er mit Ein- setzung aller Kraft erstrebt hat, und Goethes Wort, das er dem verstorbenen Freunde zehn Jahre nach seinem Tode widmete, hat Geltung erlangt für alle Zeiten:

Er schwebt uns vor, wie ein Komet entschwindend, Unendlich Licht mit seinem Licht verbindend.