— 16—
Dieſe allerdings bedeutenden Reformen konnten nicht umhin, einen günſtigen Einfluß auf alle Seiten des Unterrichts und der Erziehung, auf das ſittliche, intellektuelle und ſelbſt das phyſiſche Wohl unſerer Zöglinge auszuüben. Um nur das Eine oder Andere hervorzuheben, ſo konnte der Unterricht, welcher bisher in einzelnen Klaſſen mit 40— 50 Schülern und zwei ſub⸗ ordinierten in einem Klaſſenzimmer vereinigten Abtheilungen kaum mehr als ein halber geweſen, jetzt in Klaſſen mit einjährigen Lehrkurſen und 15 bis 20 Schülern mit ganz anderm Erfolge gegeben werden, nicht zu reden von der größeren Berückſichtigung, die wir den einzelnen Schülern in erziehlicher Hinſicht zu Theil werden laſſen konnten.
Iſt nun hiermit Alles abgemacht und nichts mehr zu thun übrig? Dieſe Frage müſſen wir allerdings mit„nein“ beantworten. Vor Allem iſt daran zu erinnern, daß wir in einem Proviſorium leben, indem die uns zu den Reformen gemachten Geldbewilligungen, ſowohl die von Seiten der Stadtverordneten⸗Verſammlung, als des kirchlichen Gemeindevorſtandes zunächſt nur auf zwei Jahre lauten, von denen bereits ½ Jahr verſtrichen iſt, und daß ebenſo der unſerer Schule von Sr. Excellenz, dem Herrn Kultusminiſter, verliehene Charakter einer höheren Bürgerſchule mit der Berechtigung zu gültigen Entlaſſungsprüfungen vor der Entſcheidung der Frage des lateiniſchen Unterrichts wohl kaum als ein definitiver zu betrachten iſt. Da ſomit in den nächſten 1 ½ Jahren über den künftigen Charakter der Schule entſchieden werden muß; ſo dürfte die Frage nahe liegen: Was ſoll aus der Selektenſchule werden? Wird das gegenwärtige Proviſorium ſich ohne weitere Veränderungen einfach in ein Definitivum verwandeln laſſen, oder hat ſie Ausſicht ſich in den nächſten Jahren zu einer Realſchule I. Ordnung zu entwickeln? Ohne der Ent⸗ ſcheidung der in dieſer wichtigen Angelegenheit kompetenten Behörden vorgreifen zu wollen, glauben wir uns, weil ſeit vielen Jahren mit der Leitung der Anſtalt betraut und mit den Bedürfniſſen der katholiſchen Gemeinde genau bekannt, erlauben zu dürfen, unſere unmaßgebliche Anſicht über die vorliegende Frage auszuſprechen.
Was zunächſt die zweite der oben aufgeworfenen Fragen betrifft, ob die Selektenſchule ſich in der nächſten Zeit zu einer Realſchule I. Ordnung entwickeln wird, ſo kann davon nach unſerer Anſicht in den nächſten zwei Jahren kaum die Rede ſein, ſondern iſt die Löſung dieſer Frage der Zeit zu überlaſſen. Allerdings, wenn wir die Bedeutung und das Anſehen unſerer Stadt und die Größe der katholiſchen Gemeinde betrachten und einen Blick auf die Verhältniſſe in Norddeutſchland werfen, wo Städte von geringer Seelenzahl ihre Realſchule I. oder II. Ord⸗ nung und daneben nicht ſelten ihr Gymnaſium oder Progymnaſium beſitzen ¹), dürfte es kaum einem Zweifel unterliegen, daß dieſer Fortſchritt in nicht zu ferner Zukunft ſtattfinden wird.
¹) Siehe das höhere Schulweſen in Preußen von Dr. L. Wieſe.


