Aufsatz 
Abschiedsfeier für den Direktor Dr. Bärwald
Entstehung
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von Person zu Person wirken, während der Unterricht zur Vermittlung Verstandes- operationen bedarf, die vielen schwer fallen und manchem ganz versagen.

Aber nicht jedem Lehrer sind diese Wirkungen gegeben, es gehört eben dazu die gewisse Persönlichkeit, und wer nicht durch diese auf seine Schüler zu wirken, sie zu sich heran- und heraufzuziehen vermag., dem nützen alle Vorschriften und Fingerzeige nichts, die ihm von anderer Seite gegeben werden. Der wahre Lehrer ist zu seinem Berufe geboren, und unbewusst und ungewollt übt er die starken sittlichen Wirkungen auf die Jugend mehr dadurch aus, wie er in sittlicher Reinheit und männlicher Geschlossenheit ihr gegenüber tritt, als durch das, was er lehrt.

Eine solche Persönlichkeit hat die Schule 31 Jahre an ihrer Spitze gehabt. Das habe ich vor 6 Jahren bei Ihrem Amtsjubiläum des weiteren dargelegt und brauche es daher heute nicht zu wiederbolen. Reicher Segen ist von Ihnen in dieser langen Zeit auf die Kinder übergegangen, und eine reiche Ernte haben Sie Ihrerseits von den Kindern eingeheimst. Sie waren ihnen nicht nur Lehrer und Erzieher. Sie waren auch vielen, die es benötigten, Berater und Helfer in der Not, manchen armen Eltern haben Sie die Sorge um die Erziehung der Kinder erleichtert, vielen, sowohl Knaben wie Mädchen, haben Sie den Weg ins Leben gebahnt, vielen haben Sie auch nach der Schulzeit noch helfend zur Seite gestanden. Dafür nehmen Sie jetzt beim Scheiden einen reichen Lohn mit, die Verehrung, Dankbarkeit und Liebe von vielen Hunderten, denen Sie ein väterlicher Freund gewesen sind.

Und wie die Kinder, so haben auch wir Kollegen Ihnen zu danken. Im täglichen Verkehr mit Ihnen, in den vielen Konferenzen, die Sie mit dem Kollegium oder mit ein- zelnen Lehrern abhielten, beim Unterricht überhaupt bei jeder Schulangelegenheit, haben wir von Ihrer Einsicht, Ihrer pädagogischen Erfahrung, Ihrem Wissen profitieren können. Sie waren uns, wie den Kindern, nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieher. Sie haben uns zu unserem Beruf erzogen; denn Sie ermahnten uns stets, den Idealismus lebendig in uns zu erhalten, neben dem Unterricht auch eine sittliche Aufgabe an der Jugend zu erfüllen, Sie haben uns endlich durch Ihr Beispiel erzogen, das uns zeigte, wie man unablässig an seiner eigenen geistigen und sittlichen Vervollkommnung arbeiten müsse, um den hohen Anforderungen des Lehramts zu genügen. Sie haben es selbst einmal in einer Programm- abhandlung mit folgenden Worten ausgesprochen:

Wer andere lehren will, darf selbst nicht aufhören zu lernen;

Wer andere erziehen will, darf nie aufhören. sich selbst zu erziehen; Und dadurch, dass wir Lehrer beides der Kinder wegen thun müssen, werden sie uns zum Segen.

Das sind Wahrheiten, die jeder Pädagoge beherzigen sollte. So haben Sie uns nach allen Richtungen gefördert. Hierbei muss ich dankbar hervorheben, dass Ihr amtlicher Verkehr mit den Lehrern sich nur auf der Basis freundschaftlichen Entgegenkommens bewegte. Sie haben sich uns gegenüber mehr als Kollege, denn als Vorgesetzter gezeigt, Sie haben uns weniger als Untergebene, denn als Mitarbeiter betrachtet, Sie haben uns ein freies Wort und eine freie Aussprache gestattet, und das war zum Heile der Schule.