Aufsatz 
Abschiedsfeier für den Direktor Dr. Bärwald
Entstehung
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nahmen eine Schule, die bereits in mehr als halbhundertjährigem Bestande sich nicht nur in Frankfurt eine geachtete Stellung erworben hatte, sondern auch weit hinaus über das Weichbild der Stadt, ja bis ins ferne Ausland, einen vorzüglichen Ruf genoss, die nicht nur die Pflanz- und Kulturstätte einer der grössten und geachtetsten israelitischen Gemeinden Deutschlands war, sondern auch zahlreiche Schüler aus anderen Kreisen der hiesigen Bürgerschaft durch ihre Leistungen und freisinnige Leitung an sich zog.

Sie hatten die Schule aus ihren eigenartigen. altfreistädtischen Verhältnissen in den neuen Zustand der Dinge, der seit 1866 herrschte, überzuführen und ihre Einrichtungen mit den Anforderungen der preussischen Schulverwaltung möglichst ohne Störung and Schädigung berechtigter und liebgewonnener Eigentümlichkeiten in Einklang zu bringen, was Ihnen in Ihrer milden und vermittelnden Sinnes- und Handlungsweise auch ohne grosse Schwierigkeit gelang.

Unter Ihren Händen nahm die Schule einen neuen Aufschwung. Das zeigt schon der äusserliche Umstand, dass ihre Räume bald zu enge wurden und dass durch Verlegung der Direktorwohnung und anderer räumlichen Einrichtungen nach aussen auf Gewinnung neuer Klassenzimmer Bedacht genommen werden musste, und als auch das nicht genügte, war man genötigt, für die Vorschule ein eigenes Gebäude zu errichten.

Seit der Mitte der 80er Jahre ist nun freilich zu unser aller Leidwesen ein Rück- gang der Frequenz eingetreten, der aber G. s. D. nicht der Schule zur Last fällt, sondern in äusseren Umständen seinen Grund hat. Die Stadt reorganisierte ihr höheres Schulwesen und wendete grosse Mittel für dasselbe auf. Die Musterschule und die Elisabethenschule, bis dahin unsere einzigen Konkurrentinnen, erhielten neue prächtige Schulgebäude und konnten sich ausdehnen, höhere Schulen wurden neu gegründet, die Klingerschule, die Wöbhlerschule, die Adlerflychtschule, die Humboldtschule, und auch der Staat errichtete innerhalb unserer eigentlichen Interessensphäre ein neues Gymnasium. Dazu kam noch als nicht zu unterschätzendes Moment, dass ein grosser Teil der israslitischen Gemeinde und gerade derjenige, dem die bisherigen Schülergenerationen hauptsächlich angehört hatten, mit der Zeit die alten Stammsitze ihrer Vorfahren im Ostend verliess und in weitentlegene Stadtteile verzog. 4

Aber diese äussere Einbusse that der Schule keinen inneren Schaden, im Gegen- teil, die Arbeit konnte um so intensiver geleistet werden, und die Schule ist in keinem Jahre in ihren Erfolgen weder hinter ihrer eigenen Vergangenheit, noch hinter anderen höheren Schulen zurückgeblieben, das dürfen wir in aller geziemenden Bescheidenheit aus- sprechen, ohne uns zu überheben; denn wir können mit Genugthuung auf die wiederholt uns zu Teil gewordene Anerkennung der staatlichen Aufsichtsbehörde und auf die günstige Meinung der hiesigen Schulkreise hinweisen, die vielfach Gelegenheit hatten Erfahrungen mit Schülern zu machen, die sie von uns übernahmen.

Wir Lehrer schreiben aber das, was die Schule leistet, nicht unserm Verdienst zu, sondern Ihnen, hochgeehrter Herr Direktor, gebührt der Hauptanteil daran, die Schule trägt Ihren geistigen Stempel. Wenn Eifer, Ordnung und Sitte bei uns herrschen, so ist es ein Wider- schein Ihrer Arbeitsfreudigkeit, Ihres Ordnungssinnes und Ihres persönlichen Charakters. Diese sittlichen Einflüsse auf die Schüler sind mächtiger als die intellektuellen, weil sie unmittelbar