— 5—
Diese Entschliessung kann kein Anlass zu fröhlicher Stimmung sein, weder für Sie, trotzdem Ihnen Ruhe und Bequemlichkeit winken. noch für uns, die wir zurückbleiben; denn der erste Gedanke, der sich uns aufdrängt, ist der unserer eigenen Vergänglichkeit, der uns zum Bewusstsein bringt, dass auch wir früher oder später werden Abschied nehmen müssen von dem Platze, den wir annoch einnehmen.
Wie jedes Scheiden von altgewohnten Verhältnissen den Menschen immer schwer ankommt, so wird heute gewiss auch Ihr Herz, hochgechrter Herr Direktor, von einer gewissen Wehmut erfüllt sein. Stehen Sie doch am Abschluss einer Lehrthätigkeit, die, wenn ich die frühere Zeit dazu nehme, 40 Jahre umfasst, und an einem Lebensabschnitt, wo man kaum noch etwas von der Zukunft erwartet und die Vergangenheit den ganzen Kreis unserer Gedanken ausfüllt.
Soll aber unser Dasein im Leben der Menschheit nicht sein wie die Welle im Ocean, die sich erhebt und eine Zeitlang fortschreitet, um dann spurlos niederzusinken, so müssen wir dafür sorgen, durch irgendwelche Thätigkeit im allgemeinen Interesse unsere Namen in das Gedächtnis der Menschen einzuschreiben.
Man vergleicht das Leben oft mit einer Wanderung— und mit Recht— denn wie der Wanderer immer nur nach vorn schaut auf den Weg, den er zu gehen hat, damit er nicht strauchle und falle, und auf das Ziel, dem er zustrebt, dass er es nicht verfehle, und erst, wenn er am Ziele ist, das Auge rückwärts wendet auf den zurückgelegten Weg und sich um so mehr freut, je mehr Schwierigkeiten er überwunden, so schaut auch der Mensch, der einen Beruf hat, im Leben immer nur vorwärts auf das, was er vorhat und all sein Dichten und Trachten ist auf die Zukunft und auf das in derselben ruhende Ziel gerichtet. Die Vergangenheit mit all ihrem Inhalt entschwindet ihm zeitweilig ganz aus dem Gedächtnis und erst, wenn er auf der Höhe seines Berufes angelangt ist, kehrt er das geistige Auge rückwärts auf den zurückgelegten Lebensweg und freut sich des Errungenen in dem Masse, wie er es sich hat sauer werden lassen.
So stehen auch Sie, hochgeehrter Herr Direktor, jetat am Ziel und wenden die Gedanken in die Vergangenheit zurück. Und gleichwie dem Wanderer auf der Höhe die in der Ferne weit hinter einander liegenden Gegenden sich so dicht zusammenschieben, als lägen sie nebeneinander. so umfasst Ihr geistiges Auge jetzt mit einem Blick, was durch lange Zeiträume in der Vergangenheit getrennt war. Bilder längstvergangener Zeiten tauchen vor Ihnen auf und reihen sich aneinander: das Verlassen des Vaterhauses, der Eintritt in das Conitzer und das Breslauer Gymnasium das Studium auf den Universitäten Breslau und Berlin, die Bemühungen nach bestandenem Examen gemäss Ihrer Neigung Ihre Kenntnisse und Kräfte dem Dienste des Staates zu widmen und zugleich die schmerz- liche Enttäuschung, die Ihnen trotz lhrer vorzüglichen Befähigung von der Behörde bereitet wurde(eine bittere Erfahrung. die Sie mit uns allen teilen), dann die Übersiedelung nach Wien, um im privaten Kreise das Lehren und Erziehen zu lernen, ferner die Lehrthätigkeit am Lehrerseminar und an der Religionsschule der israelitischen Gemeinde in Berlin, endlich die UÜbernahme der Leitung des Philanthropins.
Hier begann die Arbeit Ihres Lebens, und mit Einsetzung aller Kraft haben Sie an der Erfüllung der schweren, von Ihnen übernommenen Aufgabe gearbeitet. Sie über


