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mehr zurücktreten, wenn der Bestand und die Gesundung des Ganzen es verlangt. Von diesem die tiefsten menschlichen Instinkte berührenden Gehalte kommt die tiefe Wirkung der Tragödie, die schon Goethe an sich erprobt hat, die jeder tief angelegte und nicht durch bloße Verstandespflege einseitig gewordene Mensch empfindet, der die Dichtung unbefangen auf sicn wirken läßt. Wie eben die mächtigsten tragischen Schauer ausgelöst werden, wenn der Dichter uns einen Blick tun läßt in das Walten jenes erbarmungslosen Schicksals, das mit der Gewalt eines elementaren Naturvorganges über die Menschen hereinbricht und bald den kahlen schuldigen Scheitel, bald aber auch des Knaben lockige Unschuld faßt, so stellt hier Schiller das wirkliche große Lebensschicksal dar, das wir in der Wirklichkeit jeden Tag bei einem großen Unglück be- obachten konnen— das wir in der jüngsten Zeit an dem tragischen Tode des von uns allen so hochverehrten und aufrichtig geliebten Professors Richard Kotyka schaudernd miterlebt haben— das über das Mißverhältnis zwischen dem Tun und Leiden des Einzelnen rücksichtlos hinwegschreitet und nunmehr durch das oberste Gesetz gebunden ist, das alles Weltgeschehen zusammenhält, durch das Gesetz von Ursache und Wirkung. Von dieser reinen, aber kalten Höhe verschwindet dem Dichter das Leben des einzelnen, er sieht nur noch das Leben der Gesamtheit, und wie die Weltkörper des Universums durch die einander entgegenwirkenden einerseits nach dem Mittelpunkte hin, andererseits von ihm hinweg ziehenden Kräfte in ihren Bahnen festgehalten werden, so müssen auch die das Leben der Gesamtheit fördernden und die es mit Untergang bedrohenden Kräfte im Leben der Menschen miteinander ins Gleich- gewicht sich setzen mit derjenigen unerbittlichen Notwendigkeit, die sich dann im Leben des einzelnen als die unregiersam starre Götterhand des unentrinnbaren Schicksals erweist. So wird also die»Braut von Messina« das hohe Lied von der solidarischen Ein- heit des Menschengeschlechtes, für dessen Bestehen es ein aller- oberstes Gesetz gibt, von Goethe mehr gegenständlich in den fast unheimlichen Satz zusammengefaßt:»Nemo contra Deum nisi deus ipse«, von Schiller mehr persönlich in die menschlich eher verständ- lichen Worte gekleidet:»Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der UÜbel größtes aber ist die Schuld«.
Doch derselbe Dichter, der das Leben der Menschen von einem so hohen Gesichtspunkte aus anschauen gelernt hat, daß er das Newtonsche Weltgesetz von der auch durch eine unbegreifliche Macht geregelten Eigenbewegung der Gestirne auch in der sittlichen Welt des Menschen mit seinem stolzen freien Willen wiederfindet, derselbe Dichter ist auch der treueste Diener seines Volkes und er verläßt sofort seine hohe Warte, wenn ihn die augenblickliche Ge- fährdung seines Volkes in die vordersten Reihen der Kämpfenden ruft, und man merkt es seinem aus diesem Bedürfnisheraus geschaffenen Tell an, wie gern er es tut. Wie auf den Wink mit einer Zauber- rute sind alle metaphischen Zweifelsqualen verstummt und mit der spielenden Leichtigkeit des an der Bewältigung der höchsten Pro- bleme geschulten Meisters übt er die alte Kunst wieder, die er be-


