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Leben selbst an das von ihm geschaffene Bild des Lebens ge- wendet.
Aber damit hatte der Dichter die Höhe seines Schaffens noch nicht erreicht. Nur suchte er zuerst wieder noch tieferen Grund zu gewinnen, um sich noch höher recken zu können. Das Motiv der feindlichen Brüder, das er bereits in den»Räubern« behandelt hatte, lebt wieder in seinem Geiste auf, aber der Boden, aus dem diesmal die Tragik erwächst, ist eine tiefe, fast noch unverwitterte Felsenschicht, tiefer nicht etwa bloß als in den»Räubern«, sondern noch tiefer als in dem Drama des französischen Heldenmädchens. Was im Leben der Vergangenheit des deutschen Volkes der son- nendurchglühte Traum der Normannem auf Siziliens blutgetränkten Gefilden war, wird jetzt der tiefe Grund, aus welchem der leben- spendende Quell emporsteigt. um über dem Stamme des Schilleri- schen Lebenswerkes die mächtige Krone zu wölben. Das muß man festhalten, um die Großzügigkeit der Handlung zu verstehen, mit der die in der»Braut von Messina« auftretenden Gestalten sich ihr Schicksal hämmern. Dann erst verstehen wir, warum sich Isabella weit über ihre antike Schicksalsschwester, über Niobe, erhebt, wir verstehen dann die Vermessenheit. mit der diese echte Wikingerherzogin mit den Göttern wie mit Ihresgleichen rechtet, wir verstehen, daß ihr der Himmel als eine eherne Wölbung er- scheint, die kein Pfeil eines Bittenden zu durchdringen vermag. Denn eine Erfüllung ihrer Bitte durch die Götter würde sie nicht milder und weicher stimmen, sondern nur noch trotziger machen. Darum bedarf es der wuchtigsten Schläge, um eine solche Eiche zu fällen, und der Hieb muß sie bis ins Lebensmark treffen. Ihr Wille wird demnach nur dadurch gebrochen, daß sie das vernichtet sieht, an dessen Verwirklichung sie die ganze Kraft ihres gewal- tigen Lebensdranges gesetzt hat. Erst indem es ihr klar wird, daß sie selbst die Ursache war für den Untergang ihrer Kinder und ihres ganzen Geschlechts, erst indem sie erkennt, daß ihr leiden- schaftliches Wollen zu dem geraden Gegenteil von demienigen führte, was sie angestrebt hat, erfährt ihr ganzes Wesen eine Entwurzelung in sich selbst, mit Grauen verläßt sie das Haus, das sie unter Flüchen betreten hat.
Während sich aber Isabella durch ihren unbeugsamen Willens- trotz ihr Schicksal erzwingt, fragen wir uns verwundert, warum der Dichter die Hauptheldin des Stückes, Beatrice, die Braut, nach der er das Stück benannt hat, vollkommen unschuldig sterben läßt. Die ernste Antwort hierauf gibt uns nicht bloß unser Schiller, sondern auch der in dieser Beziehung gleich denkende Genius des großen britischen Dramatikers, der eine Beatricen wesensverwandte Gestalt geschaffen hat, Kordelia. und dieses gleichfalls engelreine und schuld- lose Wesen eines schmählichen Todes sterben läßt, warum? Weil es die sittliche Läuterung, weil es das Seelenheil ihres schuldigen Vaters, weil es, ganz allgemein gesagt, die Erhaltung des sittlichen Gleichgewichtes in der Welt so erheischt. So erkennen wir, wie die Lebensauffassung des Dichters immer umfassender, aber auch immer strenger wird, wie die Rechte des einzelnen Individiums immer


