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Vogel, der fliegen kann. seine Schwingen braucht, muß sie den kühnen englischen Heerführer, der ein ganzer Mann ist, der Kopf und Herz am rechten Flecke hat, den jungen Lionel, lieben, der die irdische Ergänzung zu ihrem himmlischen Wesen bildet, der rein aus irdischer Liebe zum Schönen, Großen und Guten das tut, was sie als das auserwählte Rüstzeug des Himmels vollendet. Sie überwindet aber gleichwohl diese Liebe, weil sie sonst ihrer höheren Aufgabe untreu werden müßte. Indem sie dieses Opfer bringt, hat sie den Kampf zwischen Neigung und Pflicht in den denkbar ſageneten Formen siegreich gekämpft, hat auch diedem großen Menschen eingepflanzte Neigung, sich selbst und seinem persön- lichen Wohlsein zu leben, geopfert zugunsten der doch noch höhe- ren Pflicht, dieses Beste restlos und ohne jeden Anspruch auf irgend eine Belohnung, ja'selbst um den Preis völliger Mißkennung dem Wohle des eigenen Volkes, der Förderung des allgemeinen Besten der ganzen Menschheit hinzugeben. Sie hat demnach noch auf Erden alle Fesseln der irdischen Unzulänglichkeit abgestreift. es erscheint ihr der Tod nicht mehr als das drohende Verhängnis wie dem Wallenstein, auch nicht mehr als die zwar gerechte, aber doch strenge göttliche Vergeltung, sondern als die höchste Selig- keit der Selbstvollendung. Wenn Sie sich das alles recht lebhaft vergegenwärtigen, spüren Sie da nicht das Wehen des Geistes, der zur Zeit der Kreuzzüge das ganze christliche Europa durchdrang? Erkennen Sie da nicht, wie die Frucht dieses Dramas gewachsen ist aus den Säften einer Zeit, die für ein erhabenes Ziel freudig alles irdische Glück in die Schanze zu schlagen bereit war? Merken Sie nicht. wie aus dem ganzen Gehalt dieses Dramas das geflügelte Wort herauswächst: „Was ist unschuldigt, heilig. gut, wenn es der Kampf nicht ist für's Vaterland?« Und doch ist das noch nicht das Wichtigste. Wichtiger ist noch etwas anderes, woran man so recht deutlich sehen kann, wie durch den echten Dichter die Vergangen heit fortlebende, wir- kende Gegenwart wird. Schiller, der große Mensch, der mit seiner Person so bescheiden zurücktritt, daß wir in allen seinen Werken keine Spur einer Andeutung seines schweren körperlichen Siech- tums finden, hat von diesem Stücke gesagt:»Dich schuf das Herz. du wirst unsterblich leben«. Wissen Sie, was er damit gemeint hat? Er hat damit gesagt, daß er dasselbe getan hat, was das fran- zösische Heldenmädchen tat, daß er sich selbst seinem Volke zum Opfer gebracht hat. Denn, wie sie allein das Vaterland zu befreien vermochte, so hat er allein die Werke zu schaffen verstanden, welche das unsterbliche Vermächtnis der Nation sind und eine Brücke bilden von der mangelhaften Wirklichkeit zur Vollkommen- heit eines ersehnten Zustandes. Er hat diese Werke aber einem kranken und— gerade seine reifsten Werke— einem schon halb zerstörten Körper abgerungen und mit voller Bewußtheit dessen Vernichtung durch UÜberspannung seiner Arbeitskraft beschleunigt, er hat, wie der ihn zu seiner Zeit allein ganz verstehende große Freund Goethe von ihm sagte, die Blüte höchsten Strebens, das


