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scheinung zu bringen, was Goethe als die Christustendenz in Schillers Leben und Schaffen bezeichnet hat.
Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt die weiteren Dramen.
Der Wallenstein legt sich die Frage vor, ob ihm die in seiner Persönlichkeit angesammelte Kraft das Recht verleiht. den Um- sturz einer Macht zu versuchen, die durch den geschichtlichen Werde- gang hellig geworden ist, und der Ausgang des Helden, sein tragischer Tod. zeigt, daß auf der Wage der poetischen Gerechtig- keit das dem Friedländer beigegebene Maß von ehrgeiziger Selbst- sucht denn doch schwerer wog als das an und für sich billigens- werte Streben, Deutschland zu einigen und dem zerrissenen Volke den konfessionellen Frieden mit Gewalt aufzudrängen. Fällt da nicht jedem sofort auf, daß der Friedländer nichts anderes als das aus der nächstliegenden deutschen Vergangenheit heraufgeholte Abbild des großen Korsen ist, und erkennen Sie nicht bereits hier etwas von der prophetischen Gestaltungskraft des Dichters. welcher seinen Zeitgenossen das gleichsam naturnotwendige Endschicksal des französischen Eroberers in einem getreuen Spiegel zeigt zu einer Zeit, da dieser die höchste Stafféel der Macht zu ersteigen eben erst im Begriffe stand?
Sieht aber der böhmische Edelmann in dem Augenblicke, da er zum Verrate an seinem Kaiser den ersten verhängnisvollen Schritt tut, nur mit finster zusammengezogenen Brauen und schick- salstrotzig aus dem Dunkel der Zukunft den blutigen Stahl sich erheben, der vom Engel der Rache auch für seine Brust schon geschliffen ist, so nimmt die schottische Maria bereits mit Ergebung das Todesurteil auf sich, das ihre fanatische Gegnerin, von eifer- süchtigem Haß getrieben, in berechneter Willkür unterfertigt hat. Denn durch das lange einsame Kerkerleiden hat ihr Blick schon die Hellsichtigkeit der Sterbenden bekommen und hinter der Gestalt der das Todesurteil unterschreibenden Elisabeth sieht sie den Riesenschatten der göttlichen Vorsehung emporwachsen, welche sich ihrer Gegnerin nur als eines Werkzeuges bedient, um sie, ge- recht und gnädig zugleich, für die Schuld ihres früheren Lebens büßen zu lassen. Ist da nicht wiederum staunenswert die Tiefe der Auffassung des Dichters, für den der zwei Jahrhunderte auf- wühlende Gegensatz der Konfessionen doch nur mehr ein an der Oberfläche sich abspielender Streit ist und zum Kampfesziel die äußerliche Macht hat, während der tiefere Streit der Gegensat⸗ von Mensch zu Mensch ist und zum würdigeren Kampfesziel hat den inneren Frieden des Gewissens, der nur durch ein reines Herz erworben werden kann?
Zu noch reinerer sittlicher Größe erhebt sich die Heldin des nächsten Stückes, das Schiller geschaffen bat. Das fromme Hirten- mädchen, das durch die Stimme in der eigenen Brust zur Gottes- streiterin berufen worden ist, lädt keine sittliche Schuld in dem Sinne wie die schottische Königin oder gar der aus gröberem ir- dischen Stoff geformte Wallenstein auf sich, im Gegenteil, mit derselben Notwendigkeit, mit der die Sonne leuchtet, oder der


