Aufsatz 
Nach Montenegro. Eine Reiseskizze : 2. Fortsetzung. Durch Montenegro
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

Gesellschaft hinaus in die Einõde der Wälder zu den von der Ge- sellschaft Ausgestoßenen verlegen müßte. In diesem Sinne schuf Schiller seine»Räuber⸗. Aber der Dichter brauchte, um mächtig auf Geist und Gemüt zu wirken, gegenständliche und leicht über- schaubare Vorgänge, und diese maue er in großen Strichen, al fresco, auf eine weithin sichtbare Wand hin. Er zieht demnach das Weltgemälde, unter Anwendung eines Verjüngungsmaßstabes, in das Bild einer Familie zusammen, läßt aber die Glieder dieser Familie, seinem eigenen heißblütigen Empfinden entsprechend, in einen Aufruhr geraten von der Macht und Tiefe der Leidenschaft, wie sie der englische Dramatiker in seinem König Lear geschildert hat. Der Bruder wütet gegen den Bruder, der Sohn gegen den Vater, der Vater gegen das Kind, das verstoßene Kind wird der Retter des mißhandelten Vaters. Und was der Dichter an Breite und Umfang des Gemäldes geopfert hat, ersetzt er durch die Tiefe der Perspektive. Denn wir sehen nicht bloß die Bande der Familie gelockert, sondern alle Verhältnisse, welche nur auf dem ewigen Grunde gegenseitiger Menschlichkeit und Gerechtigkeit fest ruhen können, im Innersten erschüttert und zerstört, so daß Karl Moor, die ungeheure sittliche Verwirrung durchschauend, den Wiederein- bruch des alten Chaos fürchtet, und weil die Zeitgenossen des Dichters seine Zeichnung als wahr erkannten, ja selbst lieber die Rückkehr in den Urwirrwarr als eine Fortdauer der bestehenden Verhältnisse aus Herzensgrund wünschten und die»Räuber« dieser Stimmung zwar einen matlosen und gewaltigen, aber unverfälsch- ten und naturwahren Ausdruck gaben, so ging von ihnen eine so ungeheure und unmittelbare Wirkung aus und wird von ihnen ausehen, wenn sich irgendwo ein unnatürlicher Druck angesam- melt hat.

Aber gleichwohl und hier kündigt sich schon der echte Dichter an, der uns nur deswegen einen Blick in den Abgrund tun läßt, um uns in der Ferne wenigstens den zu einer lichteren Höhe führenden Pfad zu zeigen eniläßt uns der Dichter nicht mit der unbefriedigenden Empfindung von der unheilbaren Störung des sittlichen Gleichgewichts in der Welt. Darum läßt er auch in dem

Helden unmittelbar nach dem Höhepunkt der Handlung das ent- setzliche Bewußtsein erwachen, daß er nicht durch die Verkehrtheit der menschlichen Gesellschaft allein, sondern durch die spitzbübi- schen Künste eines Bösewichts, seines entmenschten Bruders Franz, um Glück und Heil betrogen worden ist. Schaudernd blickt er in den Abgrund seiner ganzen Existenz, es geht ihm in der Tiefe seines Gemüts die Erkenntnis auf, daß zwei Menschen wie er den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde richten würden, mit Grauen legt er das Racheschwert, dessen Führung er sich ange- maßt, aus den Händen, und um die beleidigte Gerechtigkeit zu versöhnen und die mißhandelte Ordnung wiederherzustellen, bringt er sich selbst der Majestät des Gesetzes zum Opfer dar.

Diese gewaltige Ausschwingung des Geistes nach entgengen- gesetzter Seite hat in dem Dichter die Erkenntnis gezeitigt, daß selbst das Böse nur mit reinen Waffen überwunden werden kann