Aufsatz 
Die Grundzüge der religiösen und sittlichen Anschauung der alttestamentlichen Propheten, aus ihren Schriften durch zahlreiche, z.T. wörtlich angeführte Stellen nachgewiesen, nebst einer kurzen geschichtlichen und sachlichen Einleitung
Entstehung
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die sich nach dem Bedürfnis der Zeit in einer Persönlichkeit so mächtig entfalten, dass wir sie alsGenie bezeichnen? Gewiss nicht. Dass Gott auf den Menschengeist unmittelbar

einwirken kann, steht mir zweifellos fest, sonst würde ich nicht um richtige Einsicht, um Beistand zum Guten zu ihm beten dem gegenüber aber, der die einzelnen Fälle un-

mittelbarer göttlicher Einwirkung oder gar das Mass der letzteren feststellen wollte, berufe ich mich auf Jesu Wort Joh. 3. 8:Der Wind bläst und du hörst sein Sausen wohl, aber du weisst nicht, woher er kommt und wohin er geht(vgl. Pred. Sal. 11, 5) und wende es auf jeden an, der in Sachen des Gottesreichs redet. Alsreligiöse Genies verschiedener Grösse erscheinen mir die Propheten. Dass sie überhaupt befähigt waren, zu werden, was sie gewesen sind, lag in der ihnen von Gott ver- liehenen Begabung(Xæetauara 1 Kor. 12: dass sie es geworden sind. war ihre eigene Sache. Der Mensch kann doch zweifellos dem Antrieb zu einer sittlich guten Thätigkeit, der in seiner Beanlagung liegt, auch widerstreben; wer ihm folgt, lässt sich(mittelbar) von Gott treiben. Die Propheten betraten den Weg der Arbeit im Dienste der Religion und Sittlichkeit, auf den sie Gott durch ihre besondere Befähigung und ihren angeborenen Herzensdrang hinwies, mit fester, bewusster Willens- entscheidung, in starker Liebe zu Gott und ihrem Volk. Dass sie Gottes Wesen und Willen tiefer erkannten, als ihre Umgebung, war die Frucht ihrer angeborenen Geistesrichtung und ihrer selbsterwählten ernsten Geistesarbeit. Dass sie den Fluch der Sünde und den Segen der Frömmigkeit in ergreifender Weise zu schildern wussten, war begründet in ihrer Begeisterung für die Förderung der Zwecke Gottes, in ihrem Abscheu vor allem Gottwidrigen, allem Schlechten und Gemeinen und in ihrer reichen Lebenserfahrung. Durch die in redlicher Geistes- und Willensarbeit erreichte volle Entfaltung des aus dem Grunde ihres Wesens aufstrahlenden Lichtes wurden sieErleuchtete und konnten als solche dann auch ihren Mitmenschen in religiös-sitt- lichen Dingen Licht spenden. Sie waren also, mit 1. petri 1, 21 zu reden, heilige d. h. mit ihrem ganzen Wesen Gott zugekehrte Männer, die nach Heiligung ihrer Persönlichkeit, nach Gemein- schaft mit Gott, nach voller Erkenntnis der Wahrheit rangen und darum alles, was sie in dem Bewusstsein, Gottes Recht zu vertreten, in dem Streben, Religion und Sittlichkeit zu fördern und so ihr Volk auf den festen Grund der Gottesfurcht zu stellen, redeten, alsGotteswort bezeichnen zu dürfen glaubten. Freilich hören wir Christen neben dem Grundton desGottes- wortes aus ihren Reden auch manchmal dasMenschenwort heraus, das nicht zu jenem passen will, aber das ist nicht unser Verdienst, sondern die Folge davon, dass unser Ohr durch den Unterricht des vollkommenen Meisters geschärft ist, der gekommen war,das Gesetz und die Propheten zu erfüllen d. h. die in ihnen angebahnte religiös-sittliche Erkenntnis zur Vollendung zu führen, und hindert nicht, dass uns die Propheten die liebsten Gestalten und ihre Schriften (nebst den Psalmen) die anziehendsten im A. T. sind.

Da ich nun bei meiner Arbeit zugleich den Zweck verfolge, Freude am Lesen der Bibel und besonders ihrer prophetischen Bücher zu wecken, habe ich mich nicht darauf beschränkt, die religiös-sittliche Anschauung der Propheten in ihren Grundzügen festzustellen und mit Zahlen auf die Belegstellen zu verweisen, die bekanntlich doch nur von wenigen nachgeschlagen werden, sondern viele Aussprüche wörtlich angeführt. So kann jeder Leser das Recht des von mir Gesagten sofort prüfen und die edle, gewaltige, an zutreffenden Bildern reiche Sprache der Propheten kennen lernen. Die Stellen sind(im Wesentlichen) nach der vortrefflichen UÜbersetzung von Professor D. E. Kautzsch in Halle citiert, deren Anschaffung ich jedem Bibelleser angelegentlichst empfehle.

Die Reihenfolge der Citate gründet sich auf die vorhin festgestellte Ordnung der Propheten. So wird wohl der von Prophet zu Prophet sich forterbende Grundstock religiöser und sitt- licher Anschauung auf die geeignetste Art berücksichtigt.

Wir führen demnach an: 1) die Propheten der Assyrerzeit: Amos, Hosea, Jesaja, Micha. den VFerfasser von Sacharja 9 11 und Nahum, 2) Die Propheten der Babylonierzeit: a. vor der bpabylonischen Gefangenschaft: Zephania, Jeremia, Hababule, Obadja, b. in der babylonischen Gefangenschaft: Hesekiel, den Fenfasser von Jesaja 40 66 und den des Buchs Jona,* 3) Die Propheten des neuen Jerusalem(der Perserzeit): Haggai, Sacharja, Muleachi und Noel.

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* Der Grund, aus dem das Buch Jona in die Zeit der babyl. Gefangenschaft gelegt wird, ist unter

Gott ist gnädig angegeben. Das Buch HDaniel wird nicht herbeigezogen, da es keine prophetische, sondern eine apokalyptische Schrift ist.

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