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Gottes“(—,R Ce 1 Sam. 2, 27. 9, 6. 1 Kön. 13, 4. Solche waren sie jedoch auch, sofern sie Gott
befähigt hatte, die Gegenwart und die notwendige Entwicklung der Zukunft„tiefer zu erkennen“ (3nn Am. 1, 1. Jes. 1. 1. 2, 1. 13, 1. 30, 10. Hab. 1, 1. 8- Jes. 30, 10), als andre. Darum hiessen sie
auch geradezu„Seher“(5 Jes. 30, 10.—& Jes. 30, 10). Was sie bei genauer Prüfung als
Wahrheit erkannt hatten, das sprudelte, gleichwie lebendiges Wasser aus der Quelle, aus ihrem Innern hervor.(X'3 eigtl.„Sprudler“ ist der gebräuchlichste Name für die„Propheten“
im A. T.) Das geschah wohl meist unter starker persönlicher Erregung, was aus dem raschen Wechsel ihrer Gedanken, namentlich ihrem häufigen UÜberspringen vom Drohen zum Verheissen erhellt und bei ihrer Stellung gegenüber dem Volk sehr begreiflich ist. Hier und da erzählten sie auch„Gesichte“ d. h. lebendige bildliche Schilderungen der Gegenwart oder Zukunft z. B. Am. 7— 9. Jer. 24. Hes. 37, 1— 14; manchmal führten sie„Zeichen“ aus d. h. sinnbildliche Hand- lungen, die ihren Reden zur Stütze dienen sollten, z. B. Jes. 20. Jer. 27. 28.
Fragen wir nun, wie die Propheten selbst über ihre Reden urteilten. so zeigen uns sehr viele Stellen, dass sie dieselben als„Sprüche des Herrn“ bezeichneten. Verwiesen sei hier nur auf Jes. 6, 8. Jer. 1, 9:„Der Herr aber sprach: Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund....— 11, 6. 19, 2. 26, 2. 33. 17. 19. 23. Hab. 2, 1. 2. Hes. 1, 28— 2, 4. 2, 8— 3, 4. 3, 17 UI. d.
Trotz dieser Selbstbeurteilung der Propheten wissen wir jedoch noch nicht, wie wir uns das Zustandekommen ihrer ganzen Thätigkeit, besonders ihrer Reden zu erklären häben, denn das„Reden Gottes“ zu seinen Dienern ist doch nur ein bildlicher Ausdruck, dem wir erst einen Inhalt geben müssen. Viele Christen freilich halten jedem, der diese Ansicht vertritt, das Wort 2 betri 1, 20, 21 vor:„Indem ihr zuerst erkennet, dass überhaupt keine Weissagung(οσσρννιεκηι der Schrift(d. h. des A. T.) von eigner(d. h. des Propheten) Deutung der Zukunft abhängt. Denn nicht durch menschlichen Willen wurde jemals eine Weissagung hervorgebracht(eigtl. getragen), sondern, vom heiligen Geist getrieben, redeten heilige Gottesmenschen.“ Allein in der vorliegenden Frage, die keine religiöse oder sittliche ist, ist das Urteil des Verfassers des 2. Petrusbriefes schon darum nicht mass- gebend, weil er die bedeutendste Seite der prophetischen Thätigkeit im Aussprechen von „Weissagungen“ sieht. Für mich ist sie die unbedeutendste, denn ich halte es nicht für er- wiesen, dass Gott je einem Menschen die Kenntnis zukünftiger Dinge gewährt hat, und seche daher in den„Weissagungen“ der Propheten Ausserungen ihrer ernsten Befürchtungen oder freudigen Hoffnung für die Zukunft ihres Volkes. Dafür spricht, dass Gott die Zukunft ganz anders gestaltet, namentlich die Messiasidee in ganz anderer Weise verwirklicht hat, als es die Propheten erwarteten. Hieraus schon sollten die Anhänger der altkirchlichen Inspirationslehre, nach der jedes Wort der Bibel als„von Gott eingegeben“ gilt, das Bedenkliche ihrer Anschauung erkennen, denn Gott könnte doch nicht unzutreffende Zukunftsbilder eingeben. UÜbrigens sind in diesem Zusammenhang auch die Abweichungen in der Auffassung religiöser und sittlicher Wahrheiten bei den Propheten,(auf die später aufmerksam gemacht werden wird,) und die Kusserungen ihres Hasses gegen Feinde ihres Volks und ihrer Person zu berücksichtigen (Mich. 7, 10. Jes. 13. Nah. 2, 3. Jer. 10, 25. 15, 15. 17, 18. 18, 20— 23. 20, 11. 12. Jes. 47. 49, 26.) Gott könnte doch weder Widersprüche und Zweifel, noch Ausscrungen der Gehässigkeit und Schaden- freude eingeben. UÜberhaupt trägt der Begriff„Eingebung“ den Stempel des Zauberhaften an sich, das zu unserm Gottesbild nicht passt. Er verdankt seine Entstehung offenbar der Mei- nung, dass eine Erkenntnis, die über das Niveau der bereits gewonnenen hinausgeht, nur durch unmittelbare göttliche Einwirkung zu stande kommen könne, und dass man berechtigt sei, die Grenze der Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes zu bestimmen. Dies aber darf jemand ebensowenig, als er die Behauptung zu widerlegen vermag. dass das, was von Menschen geleistet wird, auch im Bereich des menschlichen Könnens liegen muss, da es sonst nicht durch Menschen geschehen würde. Gerade an diesem Punkte tritt uns bei unzähligen eine sehr starke Inkonsequenz entgegen. Wenn auf irgend einem Gebiete ausserhalb des religiös- sittlichen Grosses, noch nicht Gekanntes hervorgebracht wird, so spricht man ganz selbst- verständlich von Erfolgen der menschlichen Geistesarbeit, geschieht es aber auf dem religiös- sittlichen, so wird sofort eine unmittelbare göttliche Einwirkung angenommen. Man glaubt, dass dadurch Gott grösser erscheine, seine Ehre besser gewahrt werde. Ehrt denn aber nicht jede geistige Errungenschaft den grossen Gott, der den Menschengeist organisiert hat? Würde wirklich den Schöpfer die Einflössung einer fertigen Erkenntnis in den Menschen- geist mehr verherrlichen, als dessen Ausrüstung für eine bestimmte Thätigkeit mit Kräften,


