Aufsatz 
Die Grundzüge der religiösen und sittlichen Anschauung der alttestamentlichen Propheten, aus ihren Schriften durch zahlreiche, z.T. wörtlich angeführte Stellen nachgewiesen, nebst einer kurzen geschichtlichen und sachlichen Einleitung
Entstehung
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aus dem Leben schied, denn nur aus der Brust eines solchen kann sich der Ruf emporringen: O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!(22, 29) und die Klage:Ist denn keine Salbe in Gilead? oder ist kein Arzt mehr da? Warum wird denn die Tochter meines Volkes nicht verbunden? Ach, dass ich Wasser genug hätte in meinem Haupte und meine Augen Thränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht be- weinen könnte die Erschlagenen meines Volkes!(8, 22. 9, 1).

Ein Zeitgenosse Jeremia's war ausser dem schon erwähnten Habakul auch Obadja; über beider Lebensg gang wissen wir jedoch gar nichts.

Die von den Babyloniern weggeführten Bewohner Judas wurden in verschiedenen Landschaften Mesopotamien's angesiedelt; viele trieben Ackerbau, andere begannen sich dem Handel zuzuwenden. Der Blick auf ihre Lage berechtigte gewiss nicht zur Erwartung eines günstigen Umschwungs; trotzdem hielten sie fest an der Ueberzeugung, dass Gott sein Volk nicht aufgeben werde, und fanden Kraft und Ruhe in dem Glauben, dass seine Hand in die weiteste Ferne reiche, dass er allenthalben auch ohne Opfer verehrt werden könne. Ihre Zuversicht auf Gottes Treue wurde durch die Propheten Hesekiel und den Fenfasser von Jesaja 4066, der wohl auch Jesaja hiess. sorgfältig genährt und gestärkt. Sie regten in den Ver- bannten die Hoffnung an, dass Babel fallen, die Gefangenen befreit und nach Jerusalem zurück- gebracht werden, dass Gottes Macht und Gnade sich auch in dieser schweren Zeit an seinem Volk bewähren werde. Freilich sollte dieses, wie der eweite Jesaojas(44, 21) besonders eindring- lich verlangt, sich auch als Gottes Volk durch eine völlige Erneuerung, durch religiöse Treue und sittlichen Ernst bezeugen, sich wahrhaft zumKnecht Gottes gestalten, der Gott auf Erden diente und seinen Namen verherrlichte. Zu solcher Reife liess sich jedoch nicht die Gesamtheit, sondern nur ein Teil des Volkes führen. Dieser war der eigentlicheGottes- knecht, das ideale Israel, das unter mannigfachen Leiden nach Gottes Ratschluss dem übrigen Volk und den Heiden das Heil vermitteln sollte.

Durch den Perserkönig Kores(Chrus), der Babylon 538 erobert hatte, wurde den verbannten Juden schon 537 die Rückkehr in die Heimat gestattet. Gegen 50 000 Menschen zogen hierauf in das Gebiet des ehemaligen Königreichs Juda zurück. Geläutert durch das Ungemach der Väter, wie durch eigne Trübsale, hielt diese kleine Jahwegemeinde treu an ihrer Religion, an den überlieferten gesetzlichen Vorschriften fest. Heidnisches Wesen oder gar heidnischer Kultus war ihr ein Greuel, Jerusalem galt ihr als der einzig berechtigte Flittelpunkt der wahren Gottesverehrung. Ja sie gedachte den zerstörten Tempel wieder auf- zubauen und that es auch nach langem Zögern infolge des energischen Eintretens der Pro- pheten Haggai und Sacharja für die Ausführung des Bauplans.

In zbiterer, nicht genau zu bestimmender Zeit wirkten noch die Propheten Maleachi und Joel. Jener fand in der Opferung fehlerhafter Tiere u. a., dieser in einer Heuschreckenplage und Dürre den Anlass zur Rede. Auch sie erwarteten mitten in dengeringen Tagen(Sach. 4., 10) doch noch eine grosse Zukunft für ihr Volk. Ubrigens zehren diese Propheten an den Gedanken der älteren, sie sind nicht originell, wie jene; auch verraten sie deutlich, dass sie bereits von dem Geist der Schriftgelehrtheit angehaucht sind.

Manche Prophetengestalt ist nun an uns vorbeigeeilt; jede hat ihr eignes Geschick, jede ihr eignes Gepräge. Alle Propheten aber stimmten darin überein, dass sie die Ursache der Trübsale des Volkes in dessen Sünde suchten, durch die der gerechte Gott zum Strafen be- wogen würde, dass sie darum ernste Busse, wirkliche Besserung forderten und als Folge der- selben nicht nur die Vergebung des gnädigen Gottes, sondern auch von ihm gewirktes äusseres Heil und Wohlergehen verhiessen, da Gott die Sache des Volkes nicht von der seinigen trennen könne.

Um die sittlichen Zustände, das Thun und Treiben ihrer Zeitgenossen kennen zu lernen, mussten die Propheten ihre Augen offen halten, gleichsam die Rolle desSpähers, desTurmwächters.(58 Jer. 6, 17. Hes. 3, 17. 33, 2. 6. 7. vgl. Hab. 2, 1 und 55.&e Mich. 7, 4) übernehmen, der von hoher Warte(Hab. 2, 1) aus die Umgegend übersieht. Dass sie auch die politischen Verhältnisse beobachteten, ist selbstverständlich und bei dem oben über Jesaja und Jeremia Gesagten deutlich hervorgetreten. Drohten ja doch dem Volk nicht nur von innen, sondern auch von aussen her Gefahren! Eigentliche Politiker nach unserm Begriff waren sie aber nicht. Die inneren Gefahren erregten in erster Linie ihre Aufmerksamkeit; gegen sie vor allem galt es das Volk als treueHüter(Ope' Jes. 21, 11. 62, 6. vgl. Hos. 12. 14) Zu schützen. Das

thaten sie im Dienste Gottes, der ein heiliges, frommes Volk haben wollte, alsMänner