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Moritz Arndt, der Mann mit dem urdeutschen Gemüt, gesagt:„Deutschland(ist) im Glauben gross, im Unglauben klein, mit dem Herrn ein gewaltiger Riese, ohne ihn ein alberner Zwerg“. Viele unsrer Zeitgenossen vertreten freilich andre Ansichten, je nachdem es ihnen an Einsicht oder gutem Willen gebricht. Es würde ihnen immerhin interessant sein, zu hören, dass der „Turnvater Jahn“, der bei ihnen wohl nicht im Verdacht der„Frömmelei“ steht, den Wahl- spruch hatte:„Wie der Mensch liest in der Bibel, so steht an seinem Giebel“ d. h. man merkt es dem Auftreten eines Menschen an, ob das Wort der heiligen Schrift, die uns als Quelle unsrer religiös-sittlichen Erkenntnis gilt, seines Fusses Leuchte, sein Führer durch's Leben ist oder nicht. Die Bibel bietet nämlich nicht nur etwas für das Jenseits,— wie ihre Verächter meinen, weil sie sie nicht kennen,— sondern auch für das Diesseits, denn„die Gottselig- keit(d. h. die Gottesgemeinschaft, zu der sie hinführen will), ist zu allen Dingen nütze und hat die Ver- heissung dieses und des zukünftigen Lebens“.(1 Timoth. 4, 8).
So führt uns die Bibel ja auch die Bilder und Reden von Männern vor, die zu den edelsten und einsichtsvollsten Patrioten aller Zeiten gezählt werden müssen, denn inniger kann niemand sein Vaterland lieben, als die alttestamentlichen Propheten es thaten, und einen weiseren Rat vermag niemand seinen Volksgenossen zu geben, als den prophetischen, sich fest und treu an Gott und sein Wort zu halten. Ihr ganzes Wirken war eine patriotische That, ihr Reden eine Ausführung der Wahrheit;„Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“(Sprüche Sal. 14, 34). DOer Erfolg hat zwar ihre aufopfernde Thätigkeit nicht belohnt, aber die Richtigkeit ihrer Anschauung bestätigt.
Von den Propheten NMose, Nathan, Ahia, Elia und Elisa haben wir keine Schriften überkommen, doch bezeugen uns die über sie vorhandenen Nachrichten, dass sie im rechten Verhältnis ihres Volkes zu Gott die Grundbedingung seiner Lebensfähigkeit und Kraft erblickten. Mose legte in uns unbekannter Ausdehnung den Grund zur Verehrung des einen wahren Gottes und zur Erkenntnis seines heilgen Willens. Nathan hielt furchtlos dem König David(1055— 15) seinen Ehebruch vor, da er den schlimmen Einfluss eines lüsternen Regenten auf die Volksmasse kannte. Ahia kündigte ebenso rückhaltlos Jerobeam l(975— 53) wegen seiner Einführung heid- nischer Elemente in den Kultus Gottes Strafgericht an, als er ihn früher ermutigt hatte, als Gegenkönig gegen Rehabeam aufzutreten, dessen Vater Salomo in seinen späteren Regierungs- jahren den Götzendienst begünstigte. Elia eiferte gegen das religiöse und sittliche Unwesen des unter Ahb(918— 897) in Israel eingedrungenen kananitischen Baalskultus, ja sein Schüler Elisa scheute sich nicht, Jehu(884— 56) zur Revolution gegen das Königshaus zu reizen, an dem jener Kultus Stütze und Förderung fand.
Die Propheten, deren Schriften uns im A. T. erhalten sind und mit denen wir uns weiterhin beschäftigen, traten, wie auch die drei letztgenannten, auf, als die politische Lage ihres Vaterlandes durch die 975 nach Salomo's Tod vollzogene Trennung in zwei selbständige Königreiche, Israel(Norden) und Juda(Süden), bereits ungünstig geworden war. Denn dadurch war nicht nur die Widerstandskraft der national zusammengehörenden 12 Stüämme gegen die umwohnenden heidnischen Massen vermindert worden, sondern zwischen den beiden Reichen bestand auch stete Eifersucht und im Nordreich dazu die verderbliche Neigung zur Versetzung der ererbten väterlichen Jahwereligion! mit Elementen des Heidentums. Trotz der politischen Scheidung erfüllte den bessern Teil der Bewohner Juda'’s doch noch ein reges Interesse für die Entwicklung Israel'’s teils aus Liebe zur Jahwereligion an sich, die wenigstens officiell d. h. als Staatsreligion noch in Israel galt, teils aus Sorge für die Erhaltung des eignen Volkstums, das durch einen völligen Abfall des Nordens an das Heidentum schwer gefährdet werden musste.
So war es auch ein Prophet aus Juda, Amos, der zuerst seine Stimme gegen die religiöse Verirrung des im übrigen ruhmreichen Herrschers Jerobeam II(823—772) von Israel erhob. Diese trat darin hervor, dass der Jahwekultus als Bilderdienst bestand, wodurch das Eindringen mannigfacher Götzendienste und ihrer unsittlichen Auswüchse ermöglicht wurde. Nachdem Hosea, der wohl dem Nordreich entstammte, dort seine ergreifende, von glühen- der Vaterlandsliebe eingegebene Predigt in gleichem Sinne hatte erschallen lassen, drang wiederum aus dem Süden der Warnungsruf des geistesgewaltigen Propheten Jesaja in das stammverwandte Israel hinüber(Jes. 9, 7— 10, 4). Mittlerweile war dieses zu einem unglück- seligen Beginnen geschritten. Sein damaliger Beherrscher, der Mörder und Thronräuber Pehah
1„Jahwe“, nicht„Jehova“ ist der Name des Gottes Israels gewesen.


