Aufsatz 
Schiller als nationaler Dichter. Gedächtnisrede auf den hundertjährigen Geburtstag Friedrich Schillers, gehalten am 10. November 1859
Entstehung
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Denn er war unser! Mag das stolze Wort Den lauten Schmerz gewaltig übertönen!

Er mochte sich bei uns, im sichern Port,

Nach wildem Sturm zum Dauernden gewöhnen. Indessen schritt sein Geist gewaltig fort

Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen,

Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine

Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.

So bewahrte Schiller nicht allein in dieser Zeit des Leidens alle edeln Eigen- schaften des Gemüths und Geistes, die ihn früher auszeichneten, er entwickelte und steigerte dieselben noch; in ihm errang der Geist einen seiner schönsten Siege über die Natur.

Vergessen wir aber die Genien nicht, welche ihm diesen Sieg erleichterten; es waren die Genien der Liebe und Freundschaft, sie haben ihn sein ganzes Leben hin- durch geleitet und sind ihm dann bis zum finstern Hause gefolgt. Gedenken wir dank-

bar all der edeln Herzen, die ihm auf seinem Lebensgange theilnehmend und fördernd zur Seite standen. Vor allem wollen wir seiner Frau und Göthes gedenken.

Göthen hatte Schiller schon als Knabe in seinem Götz und Werther lieben und bewundern gelernt, er hatte ihn schon in seiner Schulzeit einmal, wenn auch nur aus der Ferne gesehen, als Göthe als Begleiter Karl Augusts einen Besuch auf der Karls- schule machte. Schiller hatte sodann nach seiner Uebersiedlung nach Norddeutschland so viele übereinstimmende, begeisterte Urtheile, namentlich in Weimar selbst, über den von allen verehrten, ja fast vergötterten Göthe vernommen, dass er fast ein wenig eifersüchtig auf ihn wurde, da er selbst damals— er las in Weimar seinen vor kurzem vollendeten Don Carlos— keine nachhaltige Theilnahme fand. 1788 machte er in Ru- dolstadt Göthes erste persönliche Bekanntschaft; mächtig fühlte er sich von seinem Geiste angezogen; indess kam es trotz aller Vermittlungsversuche von Personen, die beiden nahe standen, zu keiner Verständigung zwischen den Dichtern; erst in der Mitte des Jahres 1794 traten sie einander näher. Ein zufälliges Gespräch über natur- historische Gegenstände, die Göthen schon lange Ligelogentlieh beschäftigten, und das schnell eindringende Verständniss Schillers; eine Aufforderung an Göthe zur Theilnahme an den Horen, welche dieser zusagte; ein anerkennender Brief Schillers,

der seine damalige Ansicht von Göthes Natur und Entwickelungsgang darlegte, diess 2*