Aufsatz 
Schiller als nationaler Dichter. Gedächtnisrede auf den hundertjährigen Geburtstag Friedrich Schillers, gehalten am 10. November 1859
Entstehung
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dauernde Geduld für das Einzelne besitzen und kann sich glücklich schätzen, wenn er durch das klarste Bewusstsein seiner Operationen nur so weit kommt, um die erste dunkle Totalidee seines Werks in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wieder zu finden, so äusserte er sich selbst.

Als Schiller den Don Carlos beendet hatte, wendete er sich zu seiner, wie er fühlte nothwendigen Weiterbildung zu einem ernsten Studium der Geschichte und der Litte- ratur der alten Griechen. Schon längst hatte er sich selbst angeklagt, dass er Menschen schildere, ohne sie kennen gelernt zu haben; an dem Muster der Alten hoffte er seinen Geschmack zu bilden und seine Phantasie zu regeln. Die ersten Früchte dieser Studien waren eine Uebersetzung der Euripideischen Iphigenie in Aulis, sowie einiger Scenen aus den Phoenizierinnen; von eignen Gedichte uur zwei, die Götter Griechenlands und' die Künstler, worauf seine poetische Production eine mehr als fünf Jahre lange Unter- brechung leidet. Desto eifriger wendete er seine Kraft auf die Geschichte, wozu seine Berufung nach Jena einen äussern Ansporn fügte zwischen der Geschichte des Abfalls der Niederlande bis zur Geschichte des dreissigjährigen Kriegs liegen etwa vier Jahre daneben liefen ästhetische Studien, welche ihn sodann bis zur Wiederaufnahme seiner dichterischen Thätigkeit überwiegend in Anspruch nahmen. Schon seit dem Sommer 1790 hielt er Vorlesungen über die tragische Kunst, wobei er die Alten zu Grunde legte, später entspringen unter Anregung der in Jena blühenden Philosophie bis zum Jahre 1795 eine Reihe vortrefflicher Abhandlungen, in denen er die grossartigen Resultate seiner ästhetischen Untersuchungen niederlegte. In denselben Zeiten trägt er sich mit Entwürfen zu eignen Dichtungen, anfangs dachte er an ein Epos auf Friedrich den Grossen, dann Gustav Adolph, später wendete sich seine Neigung aber wieder dem Drama zu. Lange dauerte es jedoch, ehe er sich für den gewaltigen Stoff des Wallenstein entschied, dessen Ausführung unter dem belebenden Hauch der im Sommer 1794 mit Göthe ge- schlossenen Freundschaft begann. Mit welcher ernsten Ausdauer Schiller die Anfor- derungen, die er an den wahren Künstler stellte, zu erfüllen trachtete, davon zeugt nicht allein die beträchtliche Zeit, die er auf diese Arbeit wendete erst Anſang 1799 war das ganze grosse Werk vollendet dass er bei dem Feuer, womit er das Ganze umfasste, die Sorgfalt und ausdauernde Geduld für das Einzelne festhielt, dass er viel- fältig den Genuss leichter poetischer Bethätigung der Vollendung opferte, davon zeugt vor allen das Werk selbst. Von dieser Zeit an steigert sich die poetische Schöpfungskraft Schillers ungemein, jedes Jahr bis zu seinem frühen Tode beschenkte uns mit einem Meisterwerke, Maria Stuart, die Jungfrau, die Braut von Messina, Tell; da- zwischen fallen noch Bearbeitungen fremder Stücke, wie des Macheth, der Turandot,