Aufsatz 
Schiller als nationaler Dichter. Gedächtnisrede auf den hundertjährigen Geburtstag Friedrich Schillers, gehalten am 10. November 1859
Entstehung
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trat sehr bald dem Geiste Schillers nahe; was hin und wieder die Entfaltung seines poeti- schen Genies zu hemmen schien, seine Neigung zur philosophischen Reʒfexion, trug zuletzt wesentlich zu der hohen Vollendung bei, die Schiller als Dichter erreichte. Von Haus aus hatte er den Trieb sich seine poetische Thätigkeit klar zu machen, das Verhältniss des Dichters zu der allgemeinen Aufgabe des Menschengeschlechtes zu begreifen, und so seine dichterische Thätigkeit vor sich selbst zu rechtfertigen. Die Stellung, welche Schiller für die Kunst und Poesie in der Entwickelung der mensch- lichen Kultur auffand, ist eine ausserordeutlich hohe. Er gewann die festgegründete Ueberzeugung, dass die Kunst nicht etwa der wenn auch edelste, doch entbehrliche Schmuck des menschlichen Lebens sei, nicht bloss dass der Sinn für das Schöne zur Veredlung der fortschreitenden Menschheit viel beizutragen vermöge, sondern dass für den Einzelnen sowohl wie für die Gesammtheit es keinen Weg aus dem rohen Natur- zustande in das Reich der Freiheit und Vernunft gebe, als durch das Gebiet des Schönen. Dabei verbarg er sich keineswegs die Gefahren, die ein einseitig ausgebildeter Schön- heitssinn für die Erkenntniss des Wahren sowohl, als auch den sittlichen Character mit sich führt. Er weiss sehr wohl, dass bei einem Kampfe zwischen Neigung und Pflicht, die durch den Geschmack veredelten Triebe der sittlichen Freiheit noch gefähr- licher werden können, als die ungebändigte Sinnlichkeit; er leitet die blutigen Greuel der französischen Revolution aus dieser Quelle ab; es entgeht ihm nicht, dass wer blos seinen Geschmack ausbildet, gar zu leicht auch da, wo ernste Austrengung nöthig ist, sich mit einer oberflächlichen Betrachtung der Gegenstände begnügt; aus dieser Erkenntniss entspringen die hohen Anforderungen, die er dem Künstler und dem Dichter insbesondere stellt. Zuerst sprach er diese Forderungen im Jahre 1791 in einer Re- cension der Bürgerschen Gedichte aus, keiner aber hat nach der Erreichung des auf- gestellten Zieles mit grösserer Ausdauer gestrebt, als er selbst. Alles was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität, diese so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Ge- schäft. Obgleich der Künstler und Dichter nur für das Wohlgefallen bei der Betrach- tung arbeiten, so können sie doch nur durch ein austrengendes und nichts weniger als reizendes Studium dahin gelangen, dass ihre Werke nur spielend ergötzen. Der Dichter namentlich muss die Menschheit in seiner eignen Brust behorchen, um ihr unendlich wechselndes Spiel auf der weiten Bühne der Welt zu verstehen; er muss die üppige Phantasie der Disciplin des Geschmacks unterwerfen und den nüchternen Verstand die Ufer ausmessen lassen, zwischen welchen der Strom der Begeisterung brausen soll. Der echte. Künstler muss bei dem glühendsten Gefühl für das Ganze, Kälte und aus-