Aufsatz 
Schiller als nationaler Dichter. Gedächtnisrede auf den hundertjährigen Geburtstag Friedrich Schillers, gehalten am 10. November 1859
Entstehung
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Jahrhunderts, also nicht gar zu lange nach dem dreissigjährigen Kriege zeigten sich jn den gebildeten Mittelklassen eine Reaction gegen die Einwirkungen des Auslandes, vor allen Bestrebungen, der deutschen Sprache die ihr gebührende Stellung wieder zu gewinnen, sie namentlich zum Organ wissenschaftlicher Darstellung wiederum taug- lich zu machen. Daran knüpften sich allmälig Versnche die deutsche Litteratur den Leistungen des Auslandes gleicher zu stellen. Diese ästhetischen Studien überwogen bald alle andern und nahmen fast alle bessern, emporstrebenden Kräfte in Anspruch. Dass diese poetische Richtung sehr bald eine kritische Wendung auf das Wesen der Poesie und die echten Vorbilder nahm, war eine nothwendige Folge des neu erwachten Nationalgefühls und der unselbstständigen Nachahmungssucht, der die deutschen Poeten seit der ersten schlesischen Schule huldigten; fast alle hatten das Bewusstsein verloren, wo die wahren(uellen echter Poesie entspringen. Schwerlich haben die ehrenwerthen und patriotischen, aber doch vielfach befangenen Männer, welche am Eude des sieb- zehnten Jahrhunderts eine Belebung des deutschen Geistes erstrebten, geahndet, wohin die von ihnen bezweckte Bewegung führen sollte. Sie führte zu einer der denkwür- digsten und folgenreichsten Epochen in der Fortbildung des deutschen Geistes, einer Epoche, zu der Alles beigetragen hat, in der Alles wurzelt, worauf wir jetzt am stol- zesten sind. In diese Zeit fällt auch die jugendliche Entwickelung Schillers, seine ersten poetischen Productionen sind ganz von dem Geist dieser Periode durchdrungen. Da Schiller nicht nur einer der einflussreichsten und genialsten Vertreter dieser neuen Richtung ist, sondern auch ausserordentlich viel, ich meine sogar mehr als jeder Andere, dazu beigetragen hat, dass diese merkwürdige Periode nicht zum Schaden, sondern Nutzen und Frommen des deutschen Geistes verlaufen ist, so sei mir vergönnt etwas näher darauf einzugehen.

Die Periode, von welcher ich rede, beginnt am Ende der sechziger und verläuft mit dem Anfange der neunziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts. Von vielen ist sie treffend mit der politischen Revolution Frankreichs verglichen und die Zeit des Sturms und Drangs oder noch passender der Originalgenies genannt worden. In dieser Zeit sagten sich die Wortführer der geistigen Bewegung in Deutschland in allen wichtigsten Richtungen geistigen Strebens von dem Ueberlieferten los, so weit es ver- altet und überlebt erschien; nach dem Natürlichen, Ursprünglichen strebte man zurück, die nach überlieferten Regeln arbeitende Reflexion verwarf man, auf die Quellen, die im eignen Busen springen, auf die unbewusst im Menschen wirkenden Kräfte legte man das Hauptgewicht. In dieser Zeit wurde für Deutschland die lange Zeit für die meisten verschüttete, nur einzelnen hohen Genien zugängliche Gegend des Geistes ent-