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darauf, dass er allgemein aosprechende Stoffe in allgemein fasslicher Form behandelt hätte, nein, mit Recht kann man sagen, dass ein nicht geringer Theil seiner bedeu- tendsten Arbeiten dem Verständniss grosse Schwierigkeiten darbietet; ja sogar viele seiner Dramen, und in diesen wendet er sich doch an die Gesammtheit des Volks, haben die auseinandergehendste Auffassung selbst von gelehrten Beurtheilern erfahren; ja man kann wohl mit Recht behaupten, dass auch jetzt noch die Bekänntschaft der untern Volksschichten mit Schiller eine durch die gebildeten Mittelklassen vermittelte ist. Worauf beruht also diese ungemeine Popularität Schillers?
Unsre heutigen Zeiten rufen lebhaft das Gedächtniss der Jahre zurück, in welchen Schiller seine edelsten Werke schuf. Es ist natürlich, dass sich das deutsche Volk zur Vergangenheit wendet; am lebhaftesten aber treten in der nationalen Erinnerung die ruhmreichen Befreiungskriege hervor und dann die geistigen Siege, die sich zum grossen Theil an die Namen Weimar und Jena knüpfen. Beide Erhebungen hängen für das Bewusstsein des Volkes zusammen, mit Recht werden die Befreiungskriege mit ihren grossen Erfolgen auf die vorhergehende wissenschaftliche und poetische Wieder- geburt als eine ihrer Quellen zurückgeführt; unter allen aber, welche an dieser geisti- gen Befreiung mitgearbeitet haben, ist keiner dem Herzen des ganzen deutschen Volks theurer als Friedrich Schiller, darum gedenkt man heute seiner mit so weit verbreiteter Begeisterung: man ehrt und feiert ihn als unsern nationalsten Dichter.
Ist Schiller das wirklich? In dem Sinne wie Homer oder Shakspeare nicht; jedermann erkennt die ergreifende Klage Lessings:„Ueber den gutherzigen Einfall den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind. Ich rede nicht von der politischen Verfassung, sondern blos von dem sittlichen Character. Fast sollte man sagen, dieser sei, keinen eignen haben zu wollen.“ Aehnliche Klagen stiess Schiller in seiner Manheimer Zeit aus, und auch noch später rieth er den Deut- schen, da sie keine Nation werden könnten, sich zur freien Menschlichkeit auszubilden: aber dennoch ist Schiller unser nationalster Dichter, in dem Sinne, dass er von einem ausserordentlichen Einflass auf die Hebung des Nutzoaallemusstseins gewesen ist, welche das deutsche Volk in den neuern Zeiten erlebt hat.
Der Name des deutschen Volkes reicht weit zurück, indess können wir die deutsche Nationalität nicht von Carl dem Grossen an, geschweige denn von Hermann an rechnen. Zu Hermanns Zeiten gab es eine grosse Zahl hadernder Stämme, die nur theilweise eine vorübergebende Einigung durch die Angriffe der Römer fanden, in innerm Hader faad Hermann, der Befreier Deutschlands selbst seinen Untergang; unter Carl dem Grossen
standen reine deutsche und halb romanisirte Völker neben einander, die einen gemeinsamen 1*x


