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salgeschichte? Aus Bescheidenheit hatte er einen Hörsaal mittlerer Grösse gewählt, der ungefähr hundert Zuhörer fassen konnte. Um sechs Uhr Abends sollte die Vor- lesung beginnen, schon halb sechs ist das Auditorium gefüllt, noch immer strömten Trupp auf Trupp neue Zuhörer hinzu, so dass bald Vorsaal, Flur und Treppe ge- drängt vollstanden und viele wieder gehen mussten. Da hielt es Schiller für passend ein grösseres Auditorium zu wählen. Mit Freuden wurde der Vorschlag angenommen, bald war die Strasse mit Studenten übersät, die ganze Strasse kam in Allarm, man eilt an die Fenster, viele glauben es sei Feuerlärm. Was giebts denn? hiess es überall. Da rief man sich zu: Der neue Professor wird lesen. Das neue Auditorium war damals das grösste in Jena, und konnte an vierhundert Menschen fassen, trotzdem war Vorsaal und Hausflur bis zur Hausthüre besetzt. Durch eine Allee von Zuschauern und Zuhörern zieht Schiller zum Katheder, den er kaum finden konnte, begrüsst von dem lauten Beifall der Anwesenden. Die Vorlesung macht so grossen Eindruck, dass man den ganzen Abend in der Stadt davon sprach. Dieser wahrhaft hrendo und erhebende Vorgang ist um so bezeichnender, als wenige Wochen vorher das grosse Schauspiel in Paris sich eröffnet hatte, welches die Aufmerksamkeit der ganzen c⅛lti- virten Welt in Auspruch nahm.
Dennoch war die Anerkennung der Mitwelt nur eine halbe; das journalistische Unternehmen, auf welches er selbst die grössten Hoffnungen setzte, endete an der geringen Theilnahme, die es fand; so begeistert auch ferner seine auk den Don Carlos folgenden Dramen aufgenommen wurden, so waren doch Iffland und Kotzebue in den Augen des grossen Publikums ebenbürtige Rivalen Schillers; an persönlichen Angriffen auf den Dichter fehlte es nicht, namentlich nach den 1797 im Musenalmanach erschie- nenen Xenien und schon zu Schillers Lebzeiten erhoben sich Stimmen, welche Göthen auf seine Kosten erhoben. Heute dagegen scheint die prophetische Ermahnung Göthes in Erfüllung gegangen zu sein. Die Anerkennung von dem Werthe unsers Dichters für das gesammte deutsche Volk ist so gewachsen, dass es nur wenige Städte im weiten Deutschland geben wird, in welchen die Wiederkehr seines hundertjährigen Geburts- tages ohne Feier verstriche— in den bessern Gegenden Deutschlands erstreckt sich diese Feier bis in die Dörfer— ja über das deutsche Land hinaus wird von Deutschen der 10. November 1859 festlich begangen, von Moskan bis New-Vork, wo nur Deutsche in genügender Anzahl beisammen wohnen, erhebt man sich heute durch die ehrende Erinnerung an unsern grossen Dichter.
Woher nun diese ungemeine Popularität? Schiller ist kein populärer Dichter im gewöhnlichen Sinne des Worts, die Verehrung, welche man ihm ꝛollt, beruht nicht


