Aufsatz 
Nachricht über den Verlauf der 50jährigen Jubiläumsfeier der Realschule zu Michelstadt am 30. und 31. März und am 1. April 1884
Entstehung
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Der Vertreter Großh. Staatsregierung, Herr geheimer Oberſchulrat Becker, überbrachte hierauf die Glückwünſche hoher Regierung in folgenden Worten:

Hochgeehrte Jeſtverſammlung!

Zu der Feier, die Sie zu begehen im Begriffe ſtehen, habe ich die Ehre von Seiten Großher⸗ zoglicher Staatsregierung einen Feſtgruß und die beſten Glückwünſche darzubringen.

Wenn vor länger als 60 Jahren auf Anregung und unter Führung der Erlauchten Standes⸗ herrſchaft einige Männer zuſammentraten, um in Michelſtadt eine höhere Schule zu gründen, ſo geſchah dies in der Erkenntnis, daß ſie ihre Liebe zur Heimat und zum Volke nicht beſſer bethätigen könnten, als dadurch, daß ſie ihm durch dieſe Anſtalt den Beſitz jener ewigen Güter, welche allein das Leben des Menſchen lebenswert machen, zu erhalten ſuchten, und ſie waren ſich zugleich bewußt, daß ſie ge⸗ rade dadurch auch den äußeren Wohlſtand des Volkes fördern würden. Auf allen Blättern der Ge⸗ ſchichte dieſer Schule, die uns deren geehrter Direktor vorgelegt hat, und aus den eben vernommenen Worten des Religionslehrers tritt uns entgegen, wie alle die Männer, welche ſeitdem an der Entwick⸗ lung und dem Fortbau der Schule mitgearbeitet haben, in der ſittlich⸗religiöſen Erziehung die Aufgabe der Realſchule erkannt haben, und wie ſie durch eine höhere allgemeine Schulbildung die Liebe zu den idealen Gütern des Lebens zu erwecken ſuchten. Die lebhafte Teilnahme, mit der ſich alte Schüler von allen Seiten her zu der heutigen Feier zuſammengefunden, iſt eine warme Anerkennung deſſen, was die Schule in dieſem Sinne geleiſtet und was ſie ihnen in das Leben mitgegeben. Die Großherzogliche Staatsregierung ihrerſeits hat es von Anfang an als ihre Pflicht anerkannt und erkennt es noch heute als ihre Aufgabe für die Zukunft an, in dem Sinne der Begründer der Anſtalt, ſoweit es in ihren Kräften liegt, dieſes ideale Streben der Schule zu fördern und zu unterſtützen. Sie weiß ſich darin eins mit allen denen, die ſeither und jetzt noch an der Anſtalt arbeiten, ſie weiß ſich darin eins mit den zahlreichen hier vereinigten Freunden der Anſtalt und dem Stadtvorſtand. So können wir mit Ver⸗ trauen der Zukunft entgegen blicken und in der Zuverſicht, daß auch in der zweiten Hälfte des Jahr⸗ hunderts die Schule als eine Pflanzſtätte der Gottesfurcht, Zucht und Sitte, hingebender Vaterlandsliebe und alles Guten für Michelſtadt und den Odenwald eine Quelle reichen Segens ſein werde, ein fröh⸗ liches„Glück auf“ rufen. Das walte Gott!

Herr Superintendent Sell hatte die Güte, die Glückwünſche der evange⸗ liſchen Landeskirche in nachfolgender Weiſe auszuſprechen:

Hochanſehnliche Jeſtverſammlung!

Ich bitte um die Erlaubnis, den Glückwunſch der evangeliſchen Landeskirchenbehörde zur fünf⸗ zigjährigen Jubelfeier der hieſigen Realſchule darbringen zu dürfen. Möchten Sie daraus erkennen, welchen innigen Anteil unſere Kirche an dem höheren Bildungsſtreben überhaupt nimmt, und wie ſie insbeſondere die bedeutungsvolle Miſſion würdigt, welche das Realſchulweſen in dieſer Zeit zu erfüllen hat. Iſt doch der geiſtige Vater der deutſchen Realſchule Niemand anders als der Mann, den wir auch als den Vater der äußeren, wie der inneren Miſſion der deutſch⸗evangeliſchen Kirche verehren: Auguſt Hermann Franke.

Und auch abgeſehen von dieſem religiöſen und kirchlichen Urſprungsort erkennen wir in der durch die Realſchule vermittelten Ausrüſtung für die höheren techniſchen und induſtriellen und praktiſchen Berufsarten eine Erfüllung des uralten göttlichen Schöpfungswortes: Erfüllet die Erde und machet ſie euch unterthan. Weit entfernt davon, dem friſch der Gegenwart und Wirklichkeit zugewandten Geiſt der Realſchule zu mißtrauen, faſſen wir denſelben vielmehr mit den höchſten uns geſtellten Zielen zuſammen im Sinne des Wahlſpruchs von Ludwig Uhland:

Will Einer merken laſſen, Daß er mit Gott es hält, So ſoll er keck erfaſſen Die arge böſe Welt! Und ſo rufe ich der älteſten höheren Bildungsanſtalt des Odenwaldes ein fröhliches Vorwärts! zu.

Gott der Herr, dem ſie alle rauſchen und ſpringen die Brünnlein des Odenwaldes, wolle auch

dieſen Brunnquell geiſtiger Kraft und männlicher Tüchtigkeit ſegnen.