Aufsatz 
Bericht über die Jubelfeier zum 25jährigen Bestehen des Realprogymnasiums zu Marburg a.d. Lahn
Entstehung
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langſamer, ja die Hoffnung auf Beſſerung ſchien dieſen manchmal ganz zu ſchwinden. Und dennoch bedurfte es gerade zu jener Zeit der angeſtrengteſten Thätigkeit der Lehrer, um durch errungene Ergebniſſe des Unterrichts die Zweckmäßigkeit der Realſchulbil⸗ dung für das Geſchäftsleben und einige Zweige des Staatsdienſtes überzeugend darzuthun und hiermit zugleich zu zeigen, daß auch in Marburg ein von verſchiedenen Seiten angezweifelter Boden für eine Reallehranſtalt vorhanden ſei. Ein ſolches Reſultat war aber gerade zu jener Zeit hier ſchwerer als in anderen kurheſſiſchen Städten zu erreichen; da ſich damals Marburg wie vielen der hochverehrten Anweſenden noch erinnerlich ſein wird in vielen Verhältniſſen in einer mehr abſteigenden als auf⸗ ſteigenden Linie befand. Es iſt mir angenehm, hier erwähnen zu können, daß nach 20 Jahre langem Hin⸗ halten doch noch zu kurheſſiſcher Zeit von den Staats⸗ und ſtädtiſchen Behörden zu einer Erweiterung der hieſigen Realſchule, verbunden mit Beſſerſtellung ihrer Lehrer, Schritte gethan wurden.

Dieſe lang erhofften beſſeren Verhältniſſe traten nun auch für die Schule und für mich mit dem Wechſel unſerer politiſchen Lage ein. Auf eine lange Wanderung im dunkeln Thal und auf eine trübe Zeit des Hoffens und Harrens folgten nun beſſere Tage, in denen der Herr nach und nach mit den Jahren vieles wohl gemacht hat und noch machen wird.

Wie ſich aus dieſer kurzen Darlegung ergiebt, war die Verbindung meines Lebensweges mit dem Ent⸗ wickelungsgange der hieſigen Reallehranſtalt ſchon in den erſten 20 Jahren meiner lehramtlichen Thätigkeit eine recht innige und dieſelbe ſollte in den weiteren 26 Jahren eine noch innigere, aber auch eine beſſere werden, indem mir die Leitung der Schule übertragen wurde. Dieſer ehrenvolle Auftrag erfolgte von der oberſten Schulbehörde infolge meiner Wahl ſeitens der hochverehrlichen ſtädtiſchen Behörden. In dieſer habe ich ſtets eine lohnende Anerkennung meines lang⸗ jährigen Wirkens gefunden, und es ſei mir erlaubt, auch heute an meinem Ehrentage für denſelben den reſp. Be⸗ hörden wiederholt meinen ſchuldigen Dank zu ſagen.

Meiner Wahl entſprechend, brachten denn auch die verehrlichen Eltern zu Oſtern 1867 der reorgani⸗ ſierten Realſchule großes Vertrauen entgegen, ſodaß dieſe mit einer Schülerzahl eröffnet wurde, welche, obgleich das Schulgeld beträchtlich erhöht war, die höchſte Frequenz der früheren Schule um das Doppelte überſtieg, wodurch denn zugleich die er⸗ wähnte Bodenfrage für immer günſtig entſchieden war.

Die am 2. Mai 1867 im Auftrage der Regierung von mir vorgenommene Eröffnung der Realſchule ge⸗ hört zu den erfreulichſten Momenten meines amtlichen Lebens, und deshalb möge mir verziehen werden, wenn ich ihrer heute gedenke. Der Eröffnungsfeier wohnten auch die neuen Lehrer bei, von denen nur mein Freund und Kollege, Herr Leimbach, noch gegenwärtig iſt. Die Hoffnungen, welche bei der

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Reorganiſation der Anſtalt vielſeitig gehegt wurden, haben ſich denn auch faſt allſeitig erfüllt. In regel⸗ mäßigem Fortgang hat ſich die Schule unter meiner Leitung als Realſchule, höhere Bürgerſchule und Real⸗ progymnaſium weiter entwickelt und ſchon ſeit langen Jahren gehört ſie, wie in der Feſtſchrift ſtatiſtiſch nachgewieſen, zu den beſuchteſten Reallehranſtalten dieſer Art. Jeder Schritt vorwärts in dem vorge⸗ ſchriebenen Entwickelungsplane der Anſtalt enthielt ſtets die erfreuliche Anerkennung der vorgeſetzten Be⸗ hörde, daß man ſich auf dem rechten Weg befand, und gab den Lehrern zugleich die ermunternde Auf⸗ forderung, auf dem bisher eingehaltenen Wege in treueſter Pflichterfüllung fortzuwirken; d. h. den uns anvertrauten Schülern eine chriſtliche und deutſch⸗ nationale Bildung zu gewähren und ſie in ihren Kenntniſſen und Fertigkeiten ſo weit zu fördern, daß ſie wohl vorbereitet in die verſchiedenen Berufsarten eintreten können.

Wenn ich nun auch vollkommen anerkenne, daß die günſtigen Ergebniſſe nur in treuer gemeinſamer Arbeit mit den verehrten Herren Kollegen zu erringen waren, ſo möge mir doch zu dieſer Stunde und an dieſer Stelle erlaubt ſein, auf die erzielten günſtigen Reſultate hinweiſen zu dürfen.

Es iſt mir hierdurch zugleich eine willkommene Veranlaſſung gegeben, als Vorſtand der Anſtalt den verehrten Kollegen für ihr treues und erfolgreiches Mitwirken am heutigen Tag meinen beſten Dank und den der Anſtalt auszuſprechen und zugleich den Wunſch und die Bitte hinzuzufügen, daß ein geſegnetes Zuſammenwirken auch für alle Zukunft ſtattfinden möge.

Hieran dürfte ich wohl einige Worte über mein Verhältnis zu den Eltern unſerer Schüler anſchließen. Ausgehend von der Anſicht, daß die Beziehungen zwiſchen Schule und Haus recht vielfache und innige ſein ſollen, da ja beide die wichtige Aufgabe Er⸗ ziehung und Ausbildung der Jugend zu erfüllen haben, war es daher ſtets mein ernſtes Bemühen, die Eltern durch Benachrichtigungen und Beſprechungen über ihre Söhne zu unterrichten und ſo ihnen mit⸗ zuteilen, was von letzteren zu thun ſei, damit ſie das vorgeſteckte und gewünſchte Ziel erreichten. Schon ſeit länger als einer Generation wurde die Erfüllung dieſer Aufgabe dadurch weſentlich begünſtigt, daß viele Väter früher meine Schüler waren. Und ſo kann ich mit Befriedigung anführen, daß meine Mitteilungen ſtets günſtige Aufnahme fanden, obgleich gar manch⸗ mal ungünſtig berichtet werden mußte. Es iſt mir auch eine angenehme Pflicht, im Anſchluß hieran er⸗ wähnen zu köoͤnnen, daß gleiche Anſichten und Beſtre⸗ bungen auch bei den meiſten Kollegen maßgebend geweſen und von ihnen befolgt worden ſind. Hoffen wir, daß ein ſolches inniges Verhältnis zwiſchen Schule und Haus, Lehrern und Eltern fernerhin auch zum Heile der Schüler fortbeſtehen möge.

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