höheren Berufsarten erforderlich und verordnet ſei. Auf dieſen beiden Wegen ſeien die Lehrerkollegien der beiden Lehranſtalten friedlich neben einander in treuem Dienſte ihres Berufes gewandelt, und ſein Lehrerkollegium hätte den innigſten Anteil an den wichtigen Ereigniſſen des Realprogymnaſiums ge⸗ nommen. So ſei er denn auch heute beauftragt, dem Jubilar die beſten Glückwünſche auszuſprechen. Dieſen Auftrag habe er um ſo lieber übernommen, je freund⸗ ſchaftlicher ſeine Beziehungen ſeit der Studienzeit zum Jubilar geweſen. Schon ſeit langer Zeit beſtände auch zwiſchen den beiden Familien ein engeres Freund⸗ ſchaftsband. Zu ſeinem amtlichen Glückwunſche füge er daher noch den der Familie hinzu und hoffe, daß die zweifachen freundſchaftlichen Beziehungen auch für die Zukunft noch beſtehen blieben.
Zur Jubiläumsfeier hatte ſich denn auch der Neſtor der Lehrer der höheren Lehranſtalten Heſſen⸗Naſſaus eingefunden, Herr Geh. Regierungsrat Dr. Münſcher, früher lange Jahre Direktor des Gymnaſiums dahier. Wenn er auch ſeit mehreren Jahren von dem Amte zurückgetreten und ſich des otium cum dignitate er-⸗ freut, ſo war er doch freundlichſt zur Feier erſchienen, um ſeine wohlgemeinten Glückwünſche perſönlich dem Jubilar, mit dem er lange Zeit in amtlichen und freund⸗ ſchaftlichen Beziehungen geſtanden, auszuſprechen.
Nach dieſen in ſo freundlicher Weiſe dargebrachten Glückwünſchen und Ueberreichung der wertvollen Ge⸗ ſchenke ſang der Sängerchor Nr. 5 des Programms. Hierauf beſtieg der Jubilar das Katheder und hielt folgende Feſtrede:
„SHochanſehnliche Feſtverſammlung, liebe Schüler!
Mein erſt Gefühl ſei Preis und Dank, erhebe Gott, o Seele! Der Herr hört deinen Lobgeſang, lobſing ihm, meine Seele!
Dieſer erſte Vers des bekannten Liedes des frommen Dichters Chriſtian Fürchtegott Gellert in Verbindung mit dem Ausſpruch eines gläubigen Erz⸗ vaters des alten Bundes, wenn er ſagt:„Herr, ich bin viel zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an Deinem Knecht gethan haſt“ möchte am übereinſtimmendſten meine Gedanken und Gefühle aus⸗ drücken, welche in gegenwärtiger feierlicher Stunde meinen Geiſt und mein Gemüt tief bewegen. Dem entſprechend ſei denn auch vorerſt dem gütigen Gott für ſeine in 71 Lebensjahren mir erwieſene große Gnade mein freudiges Lob und ſchuldiger Dank in Ehrfurcht und Demut dargebracht.
Als ich am 1. Februar 1840 in noch jugendlichem Alter ins Schulamt eintrat, da wurde mir der 5. Vers des 37. Pſalms mein Leitſtern auf dem Lebenswege, den ich an jenem Tage betrat.„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen,“ war mein Gedanke und mein Gebet in den verſchie⸗ denen Lagen meines Lebens, unter denen ſich gar manche der drückendſten Art befanden. Denn war mein Lebensweg ein ungewöhnlicher, ſo ſtellten ſich ihm auch mehr Schwierigkeiten als gewöhnlich ent⸗
gegen. In allen dieſen trüben Verhältniſſen verlieh mir die Hoffnung auf den Herrn Troſt und Ausdauer.
Iſt doch überhaupt das Leben und Wirken des Lehrers mehr auf die Hoffnung hingewieſen, als es bei anderen Lebensberufen der Fall iſt.
Befinden ſich ja die dem Lehrer überwieſenen Kinder in einem Alter, in welchem ihre Anlagen noch ſchlummern und durch Erziehung und Unterricht ge⸗ weckt und ausgebildet werden ſollen.
Mit den beſten Hoffnungen übergeben die Eltern dem Lehrer ihre Kinder, und dieſer hofft auch, daß es ſeinen ernſten Bemühungen gelingen werde, die Schüler von Klaſſe zu Klaſſe weiter zu führen, und ſo den von den Eltern gehegten Erwartungen zu ent⸗ ſprechen.
Alle von dem Lehrer an die Schüler geſtellten Anforderungen haben denn auch keinen anderen Zweck, als die Schüler hierdurch, neben einer religiöſen Bil⸗ dung im Wiſſen und Können, ſoweit zu fördern, daß ſie bei ihrem Uebertritt ins Leben für dieſes wohl vorbereitet ſind.
Der Lehrer hofft auch, daß die Schüler dieſes Ziel des Unterrichts ſchon während ihrer Schulzeit erkennen und darnach handeln werden. Indeſſen macht er bezüglich dieſer Hoffnung manche betrüben⸗ de Wahrnehmungen.
Doch darf er in ſolchen Fällen ſeine Hoffnung auf ſpäter nicht ganz aufgeben, und es gereicht mir insbeſondere nach 50jähriger Amtsführung als Lehrer zu großer Freude, heute ausſprechen zu können, daß doch ſoweit meine Erfahrungen reichen konnten, faſt alle Schüler mit den Jahren zu der Erkenntnis ge⸗ langt ſind, daß die Lehrer bei ihrer Handlungsweiſe gegen die Schüler keinen andern Grund und Abſicht hatten, als dieſe nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen zu belehren und zu erziehen.
Jedem Lehrer ſind ſolche Beobachtungen wohl⸗ thuend und ermunternd und begründen den Wunſch der Eltern und Lehrer, daß zu dieſer ſo ſchätzbaren und vorteilhaften Einſicht der Schüler ſchon mit der Entwickelung zum Jüngling gelangen möchte. Wie ſo ſehr würde dadurch das Amt des Lehrers erleich⸗ tert und an ſeinen Erfolgen reicher werden. Einſt⸗ weilen wollen wir uns an der Hoffnung genügen laſſen, daß mit der fortſchreitenden Entwickelung des Menſchengeſchlechts zum Beſſeren auch die Schüler immer früher erkennen mögen, daß man in der Jugend ſäen muß, um im Alter ernten zu können, daß jedoch dadurch der frohe Sinn der Jugend nicht beeinträch⸗ tigt zu werden braucht.
Als ich heute vor 46 Jahren als 2. Lehrer bei der damaligen Realſchule dahier eintrat, da waren ihre Verhältniſſe und die ihrer Lehrer wenig befrie⸗ digend, und letztere mußten ſich mit der Hoffnung tröſten, daß auch die in Kurheſſen ſeit einigen Jahren gegründeten Realſchulen in nächſter Zeit, wie in anderen Ländern, einen Aufſchwung nehmen würden. Dieſer war jedoch für die beteiligten Lehrer ein recht
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