Aufsatz 
Bericht über die Jubelfeier zum 25jährigen Bestehen des Realprogymnasiums zu Marburg a.d. Lahn
Entstehung
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auf ſolche Wirkſamkeit dürfe der Jubilar ausrufen: Der Herr hat Großes an mir gethan! Das habe der Herr aber dem Jubilar nicht nur im amtlichen, ſondern auch in dem reich geſegneten Familienleben bewieſen, wie Er es ihm kund gethan in der ihm gebliebenen vollen Friſche des Körpers und des Gei⸗ ſtes, ſodaß das Wort:Dein Alter ſei wie deine Jugend ſich erfüllt habe. Und ſo konnte denn Redner nur mit dem Wunſche ſchließen, daß dieſer Segen dem Jubilar bis ans Ende ſeiner Tage bleiben möge. Maach dieſer herzlichen Anſprache ſang der Sänger⸗ chor das vierſtimmige Lied Nr. 3 des Programms.

Hierauf nahm der Vertreter der hohen Staats⸗ regierung, Herr Provinzialſchulrat Kannegieſſer, das Wort.

Hochverehrter Herr Jubilar!

Das Königl. Provinzial⸗Schulkollegium hat mich beauftragt, Ihnen heute als an dem Tage, an dem Sie auf ein halbes Jahrhundert geſegneter Berufs⸗

arbeit zurückblicken, die freudige und herzliche Teil⸗

nahme der Behörde auszuſprechen, und Ihnen für die Treue und Hingebung zu danken, mit der Sie in dieſer langen Zeit für das Wohl der Ihnen anver⸗ trauten Jugend und für das Wohl des Vaterlandes thätig geweſen ſind. Wohl mag dieſer Tag für Sie ein Tag ſtiller und ernſter Weihe ſein, an dem Sie von der Höhe des Lebens wie von einer weit ragenden Warte auf die Wege zurückſchauen, auf denen Gottes Hand Sie geführt, und auf denen Sie in Freud und Leid, in guten und böſen Tagen, einen in Per Schatz von Erfahrungen ſeiner väterlichen göttlichen Güte und Gnade haben ſammeln dürfen. Aber zugleich iſt es ein Tag fröhlichen Jubels für alle, die mit Ver⸗ ehrung, mit Dank, mit Liebe zu Ihnen aufblicken. Dieſe alle freuen ſich, daß ihnen die willkommene Gelegenheit geboten iſt, ihrer Verehrung, ihrem Dank, ihrer Liebe in feſtlicher Weiſe Ausdruck zu geben. Die Behörde, die ich zu vertreten die Ehre habe, will in den Reihen derer, die Sie heute begrüßen, nicht fehlen. Sie will Ihnen ſagen, daß ſie an dieſer Freude teilnimmt, und daß ſie die Verdienſte, die Sie ſich in Ihrer fünfzigjährigen Amtsthätigkeit erworben haben, anerkennt und zu ehren weiß.

Wenn das Leben köſtlich geweſen iſt, ſo iſt es Mühe und Arbeit geweſen! Mit dieſen Worten faßt ein greiſer Sänger des Alten Bundes die Summa des Menſchenlebens zuſammen. Das mag zunächſt als eine Warnung und Mahnung für die gemeint ſein, welche noch in den Anfangsſtadien des Lebens ſtehen, und denen das, was ſie vom Leben zu erwarten haben, noch vom Schleier der Zukunft verhüllt iſt: als eine Warnung vor falſchen Hoffnungen, die das Leben nicht einlöſt, als eine Mahnung, die Bedeutung des Lebens recht zu verſtehen. Aber einen andern

Klang gewinnt das Wort für den der aus der Vor⸗-

halle der Jugend längſt auf den Kampfplatz und das Arbeitsfeld des Lebens hinausgetreten iſt, der die

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verſchlungenen Wege des Lebens bis zum Ziele des Alters durchwandert hat, und die Kräfte des Mannes an die von Gott gegebene Lebensaufgabe eingeſetzt hat. Für ihn ſpricht dies Wort eine köſtliche Er⸗ fahrung aus, die Erfahrung, daß der wahre Wert des Lebens gerade in dem liegt, was den jugend⸗ lichen Anfänger bange machen und ſchrecken kann, nämlich in den Mühen und Arbeiten, die es fordert, und in denen doch, wenn ſie in Treue geleiſtet werden, zugleich ihr eigner beſter Lohn liegt.

An ſolchen Arbeiten und Mühen hat es in Ihrem Leben, hochverehrter Herr Jubilar, nicht gefehlt. Ernſte Arbeit hat den Inhalt Ihres jugendlichen Strebens ausgemacht, als Sie ſich zu dem von Ihnen gewähl⸗ ten Berufe vorbereiteten. Ernſte, oft recht mühevolle Arbeit war Ihnen beſchieden, als Sie die erſten Schritte in dieſem Berufe thaten. Zu neuer ernſter Arbeit rief Ihr vorwärts ſtrebender Geiſt Sie auf, als Sie die empfangene Berufsvorbildung wiſſen⸗ ſchaftlich zu vertiefen und zu höheren Zielen zu führen Sich getrieben fühlten. Und als Sie dies Ziel erreicht hatten und Sich von neuem dem praktiſchen Lehrer⸗ beruf hingeben konnten, da machten mit den neuen Aufgaben auch neue Mühe und neue Arbeit ihren Anſpruch an Sie geltend, und dieſe Mühen und Ar⸗ Piten haben Sie begleitet bis zur gegenwärtigen Stunde.

Aber gerade dieſe Mühen und Arbeiten waren es, die Ihr Leben zu einem köſtlichen und geſegneten gemacht haben. Waren es doch Mühen und Arbeiten in einem Berufe, in welchem Alle, die ſich ihm aus innerem Triebe widmen, das große Wort des Apoſtels: Wir ſind Gottes Mitarbeiter in beſonderem Sinne auf ſich anwenden können. Wohl erfordert der Beruf eines Lehrers und Erziehers der Jugend viel Geduld, viel Weisheit, viel innere Sammlung und ernſtes Nachdenken, aber wenn das Werk an einzelnen Zög⸗ lingen oder an ganzen Generationen von Zöglingen gelungen iſt, dann iſt ein großes Werk gelungen, und wem es wie Ihnen, Hochverehrter Herr Jubilar, ver⸗ gönnt war, dies Werk an einer ſo langen Reihe von Generationen als Lehrer und Leiter einer höheren Lehranſtalt zu verrichten, der hat das Recht, an einem Markſteine ſeines Lebens, wie es der heutige iſt, zu jubeln: War auch das Werk meines Lebens Mühe und Arbeit, es iſt dennoch köſtlich geweſen, denn meine Mühe und Arbeit iſt, wie der Apoſtel ſagt, nicht vergeblich geweſen in dem Herrn!

Vor dem Herrn unſerm Gotte beugt ſich deshalb heute Ihr Herz voll Anbetung und Dank.

Aber auch Ihnen ſoll der Dank für das, was Sie gearbeitet und geleiſtet haben, nicht fehlen, und es gereicht mir zu beſonderer Freude, der Vermittler des Dankes derjenigen Behörde zu ſein, unter deren Augen Sie dieſe Arbeit gethan haben.

Zugleich habe ich Ihnen ein äußeres Zeichen der Anerkennung zu überbringen. Se. Majeſtät, unſer Allergnädigſter Herr, haben geruht, Ihnen zur Feier