Aufsatz 
Bericht über die Jubelfeier zum 25jährigen Bestehen des Realprogymnasiums zu Marburg a.d. Lahn
Entstehung
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Geſang und Deklamationen, wurde am 2. September Münzenberg das wetterauiſche Tintenfaß

abgehalten. Die Feſtrede des Herrn Oberlehrers Leim⸗ bach hatte den großartigen Kampf des geeinigten Deutſchlands mit Frankreich in den Jahren 1870 und 71 zum Gegenſtande, und hob, nach einer leben⸗ digen Schilderung der Entwickelung und des Verlaufes der Schlacht bei Sedan, beſonders die herrlichen Früchte hervor, die der ſieggekrönte Tag dem deutſchen Volke gebracht hat. Am 31. Oktober, Reforma⸗ tionsfeſte, ſchilderte in der Verſammlung der evangeliſchen Lehrer und Schüler der Unterzeich⸗ nete, welchen großen Anteil Philipp Melanchthon an der proteſtantiſchen Reformation hatte(I. Hälfte bis zum Jahr 1536).

Am 27. Januar fand ein öffentlicher Schul⸗ aktus zur hocherfreulichen Feier des Geburts⸗ tages Sr. Majeſtät unſeres Kaiſers und Königs Wilhelm II. mit Geſang und Deklamation patriotiſcher Lieder und Gedichte ſtatt. Herr Ober⸗ lehrer Böhmel ſchilderte in der Feſtrede das Leben und Wirken des Generals Scharnhorſt.

Mit dem Schulſchluſſe am 23. Dezember vorigen Jahres wurde eine lithurgiſche Weihnachtsfeier ver⸗ bunden.

Das häufige Regenwetter war die Urſache, daß die übliche Turnfahrt nicht nur von Tag zu Tag verſchoben wurde, ſondern daß auch der 23. Juni, an welchem der Ausflug ausgeführt wurde, gleich⸗ falls ein Regentag war. Die Klaſſen II. und U. III. unter Leitung des Herrn Dr. Uckermann und des Unterzeichneten hatten die Abſicht nach der Bahnfahrt von hier bis Wildungen zu Fuß nach Schloß Waldeck in reizender Lage an der Eder gelegen zu gehen. Anhaltender Regen in den Morgenſtunden machte die Ausführung unmöglich. Man ſuchte Erſatz in den ſchönen Anlagen des Bades Wildungen und in einem Beſuche der Stadt Fritzlar, deren Dom des Intereſſanten viel bot.

Die Klaſſe O.III. reiſte unter Führung des Herrn Oberlehrer Böhmel per Bahn nach Friedberg und ging dann über die Lochmühle nach der Saal burg, den ſehr intereſſanten, umfangreichen Ruinen eines römiſchen, ſtark befeſtigten Grenzlagers, einſtens zum Schutze des in der Nähe ſich hinziehenden Pfahl⸗ grabens, des Grenzwalles des römiſches Kaiſerreichs gegen die Deutſchen, erbaut. Von hier ging man nach Homburg, wo das Saalburg⸗Muſeum beſichtigt wurde, in dem die vielen Gegenſtände auf⸗ bewahrt ſind, welche man in dem römiſchen Kaſtell bei der Aufgrabung desſelben aufgefunden hat. Die Rückfahrt ging per Bahn über Frankfurt, wo noch ſo viel Zeit blieb, daß ein Gang durch dieſe Stadt unternommen werden konnte, auf dem insbeſondere die öffentlichen Denkmäler und hiſtoriſch intereſſanten Gebäude betrachtet werden konnten.

Der Klaſſe IV. war unter Leitung der Herren Oberlehrer Dr. Schäfer und Pfarrer Schindewolf das Ziel Bad Nauheim und die Schloßruine

geſetzt. Da auch hier das Wetter eine Fußtour von erſterem nach letzterem Punkte nicht geſtattete, ſo ver⸗ gnügten ſich die Schüler nach Beſichtigung der pracht⸗ vollen Kuranlagen mit Kahnfahren auf dem reizenden Teiche. Mittags hatte ſich der Himmel etwas er⸗ heitert, ſodaß es möglich wurde, auf der Rückreiſe dem Schiffenberg einen Beſuch abzuſtatten.

Die Klaſſe V. ging mit Herrn Oberlehre Dute nach der Amöneburg. Die Schüler verbrachten hier mehrere angenehme Stunden mit Spiel in der Ruine und kamen über Kirchhain wieder zurück.

Die Klaſſe VI. fuhr in Begleitung des Herrn Haaſe mit der Bahn nach Biedenkopf, von wo zu Fuß nach Laasphe und Schloß Wittgen⸗ ſtein gegangen wurde. Der Rückweg führte wieder über Biedenkopf nach Marburg.

Auch die vier letzteren Ausflüge hatten gleich dem erſteren mehr oder weniger unter der Ungunſt der Witterung zu leiden, jedoch waren ſchädliche Folgen bei den Schülern nicht zu bemerken geweſen.

Die ſchönen und heiteren Tage des Schuljahres kamen erſt nach den Sommerferien, in der zweiten

Hälfte des Auguſt, ſodaß in dieſer Zeit ausnahms⸗

weiſe von der ſonſt üblichen Wetterregel am 15.,

16., 18., 19. und 22. Auguſt wegen großer Hitze der Nachmittagsunterricht ausgeſetzt werden mußte, wie es auch vor den Ferien am 26. und 27. ſowie am 30. und 31. Mai der Fall geweſen war.

Die Ferien dauerten im Sommer vom 4. Juli bis zum 1. Auguſt; im Herbſt vom 26. September bis zum 10. October und im Winter vom 24. Dezbr. bis zum 6. Januar.

Am Schluſſe der Chronik für das verfloſſene Schuljahr angelangt, wäre nun noch Bericht über die Feier des 50 jährigen Amtsjubiläums des unter⸗ zeichneten Leiters der Anſtalt zu erſtatten. Die Anordnung der Feier wurde in Gemeinſchaft des Kuratoriums und der ſtädtiſchen Behörden mit dem Lehrerkollegium(mit Ausnahme des Jubilars) be⸗ raten, von denen auch die erforderlichen amtlichen Schritte gethan wurden. Da die Lehramtszeit des Jubilars durch ein mehrjähriges Studium unterbrochen worden war, ſo ſtellte ſich bei einer Berechnung der 50jährigen Dienſtzeit heraus, daß dieſe an dem Tage vollendet wurde, an welchem der Jubilar vor 46 Jahren an der hieſigen Realſchule beſtellt wurde, nämlich am 11. September 1892. Es war dieſer feſtliche Tag auch zugleich der 71. Geburtstag des Jubilars.

Am ſpäten Vorabend, ſowie am frühen Morgen dieſes Tages brachten die beiden hieſigen Geſang⸗ vereineLiederkranz undLiederverein je ein Ständ⸗ chen in der Wohnung des Jubilars, wo ſämtliche Mitglieder der Familie des letzteren vereinigt waren und bereiteten dadurch allen Anweſenden eine ebenſo unerwartete als große Freude. In ſeinem eignen