Aufsatz 
Bericht über die Jubelfeier zum 25jährigen Bestehen des Realprogymnasiums zu Marburg a.d. Lahn
Entstehung
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Erweiterung der Realſchule zu einer Oberreal⸗ ſchule dieſe Klaſſe nach einigen Jahren wieder hinzu⸗ gefügt wird. Seit 1889 beſteht das Kuratorium der Anſtalt aus dem Herrn Oberbürgermeiſter Schüler, Vorſitzendem, dem Herrn Paſtor Bernhard, Stadtſchulinſpicienten, dem Herrn Prof. Sanitätsrat Dr. von Heuſinger, Vertreter des Stadtrats,

dem Herrn Landgerichtsrat Gleim, Vertreter des Bürger⸗Ausſchuſſes, und

dem Direktor der Anſtalt.

Im Lehrerperſonal der Anſtalt ſind Aende⸗ rungen nicht eingetreten. Herr Dr. Uckermann vollendete die zweite Hälfte ſeines Probejahres im Sommerſemeſter und trat dann aus. Sein freund⸗ liches zuvorkommendes Weſen wird den Kollegen, und ſein erfolgreicher Unterricht ſeinen Schülern in guter Erinnerung bleiben.

Durch eine Verfügung Königl. Unterrichts⸗Miniſte⸗ riums(ſ. S. 3) wurde zunächſt für das Sommer⸗ ſemeſter die Anordnung getroffen, daß Herr Prof. Dr. Vietor auf ſeinen Wunſch den engliſchen Unterricht mit 3 Stunden wöchentlich in U. III., in welcher Klaſſe dieſer beginnt, erteilte, um ſeine Zuhörer mit der neuen Unterrichtsmethode in den lebenden Sprachen bekannt zu machen, bezw. zur Uebung darin Gelegenheit zu geben. Herr Prov.⸗Schulrat Kannegieſſer hospi⸗ tierte am Schluſſe des Sommerſemeſters im Engliſchen bei Herrn Prof. Dr. Vietor und ſprach gegen dieſen den Wunſch aus, er möge auch im Winterſemeſter den begonnenen Unterricht im mehrfachen Intereſſe fortſetzen, wozu ſich dieſer bereit erklärte und wozu durch eine Verfügung Königl. Prov.⸗Schulkollegiums (ſ. S. 3) der Auftrag erteilt wurde. Es iſt mir eine angenehme Pflicht, am Schluſſe des Schuljahres aus⸗ ſprechen zu können, daß Herr Prof. Dr. Vietor durch ſein eifriges Bemühen die Schüler weſentlich gefördert und insbeſondere eine correkte Ausſprache erzielt hat. Die Anſtalt iſt ihm hierfür zu großem Dank verpflichtet.

An dieſer Stelle würde nun der Feier des fünfzigjährigen Amts⸗Jubiläums des unter⸗ zeichneten Leiters zu gedenken ſein. Es dürfte ſich jedoch empfehlen, die Chronik der Anſtalt erſt fortzuführen und dieſe mit dem Bericht über die zweite Feier in dieſem Schuljahre zu ſchließen, ſo wie ſie mit der Beſchreibung der Jubiläumsfeier der Anſtalt begonnen wurde; gewiß ein höchſt ſeltener Fall!

Mit der Vertretung des ſeit dem 20. November vorigen Jahres erkrankten Herrn Oberlehrer Dute war der wiſſenſchaftliche Lehrer Herr Heyken vom Königl. Prov.⸗Schulkollegium(ſ. S. 3) beauftragt worden, nachdem bis zum Schluſſe des Quartals der größte Teil der Stunden von den Kollegen gegeben worden war. Herr Heyken verſah die Stelle bis zum Schluſſe des Winterſemeſters. Es iſt mir eine angenehme Pflicht, ihm den beſten Dank der Anſtalt für die pünktliche und erfolgreiche Verſehung der

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Lehrerſtelle hier auszuſprechen. Wir haben die er⸗ freuliche Zuſage, daß Herr Oberlehrer Dute mit dem neuen Schuljahre ſeine Stunden wieder übernehmen wird. Leider war auch Herr Pfarrer Schindewolf zu Anfang des Winterſemeſters auf mehrere Wochen durch Krankheit an der Erteilung des Religionsunter⸗ richts(in den vier oberen Klaſſen der Anſtalt) ver⸗ hindert. Durch Vicarieren der Lehrer wurde ein Ausfall der Stunden vermieden. Die übrigen Lehrer fehlten entweder gar nicht, oder nur wenige Tage.

Was den Geſundheitszuſtand der Schüler im ver⸗ floſſenen Jahre betrifft, ſo iſt leider zu bemerken, daß ſeit dem mehr als 50jährigen Beſtehen der Schule kein Jahr verfloſſen iſt, in dem in den unteren Klaſſen ſo viele Verſäumniſſe wegen Krankheit vorgekommen ſind wie im letztvergangenen Schuljahr. War es doch notwendig geworden, die in dem Runderlaß Königl. Miniſteriums der geiſtlichen ꝛc. Angelegen⸗ heiten vom 14. Juli 1884 vorgeſchriebenen, an die Landratsämter allwöchentlich einzureichenden Kranken⸗ und Verſäumnisliſten der Schüler mehrere Wochen hindurch zu erſtatten.

Leider ſind auch zwei von den vier Schülern, deren Tod wir zu beklagen haben, der ſchlimmen Diphtherie erlegen. Nur bei einem Trauerfalle machten es die Umſtände möglich, daß ſich die Anſtalt in corpore an dem Leichenbegängnis beteiligen konnte. Die Lehrer und die Mitſchüler konnten den Schmerz der Eltern mitfühlen und die Trauer ermeſſen, in die letztere durch den Verluſt eines geliebten Sohnes verſetzt worden waren.

Hieran müſſen wir noch die Nachricht von dem Tode eines echtdeutſchen Mannes anſchließen, welcher der Anſtalt nahe geſtanden hat. Mit großer Trauer erfüllte uns, ja ganz Marburg die in früher Morgen⸗ ſtunde des 20. Februar ſich verbreitende Kunde von dem, nach kurzem, aber ſchwerem Leiden erfolgten Hinſcheiden des Herrn Paſtor Bernhard; er war 12 Jahre Mitglied des Kuratoriums des Real⸗ progymnaſiums und wirkte durch ſeine reichen Erfahrungen zum Wohle unſerer Anſtalt. Als Depn⸗ tierter des Kuratoriums bei der Prüfungs⸗Kommiſſion insbeſondere zeigte er neben großer Einſicht auch ein in hohem Grade thätiges Wohlwollen. Das Lehrer⸗ kollegium glaubte nur ſeiner Pflicht zu genügen, weun es im Andenken an ſein vielſeitiges, mühevolles und geſegnetes Wirken auch eine Palme zu den vielen Palmen und Kränzen auf ſeine ſterblichen Reſte legte und dieſen in Gemeinſchaft mit einer überaus zahteeichen Leichenbegleitung zur letzten Ruheſtätte olgte.

In der nun ſchon ſeit mehreren Jahren üblichen Weiſe fanden die Gedenkfeiern an den Tagen: 9. März, 22. März, 30. Juni und 18. Oktober auch im ver⸗ floſſenen Jahre ſtatt, indem in der letzten Unterrichts⸗ ſtunde des Morgens einer der Lehrer über das Leben und Wirken der beiden verſtorbenen deutſchen Kaiſer ſprach. Eine ähnliche Feier, jedoch verbunden mit