Aufsatz 
Bericht über die Jubelfeier zum 25jährigen Bestehen des Realprogymnasiums zu Marburg a.d. Lahn
Entstehung
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der danach ſtrebt ſeine Kraft zu erproben, zu üben und zu ſtärken, nur erwünſcht ſein. Doch hat die Lehr⸗ zeit den Vorteil vor der Schulzeit, daß ſie kürzer iſt. Deshalb tretet, meine lieben Schüler, mit frohem Mute und gutem Willen in dieſelbe ein, und wenn Ihr auf dem Wege des ernſtlichen Strebens und der Geſittung bleibt, werdet Ihr auch ſchon nach einigen Jahren an dem neu erſehnten Ziele angelangt ſein. Und dann möge es Euch auf Eurem ferneren Lebens⸗ weg gelingen, daß Ihr zur Freude Eurer Eltern und Lehrer und unter des Himmels gnädigem Schutze recht bald zu einer ſelbſtändigen Stellung gelangt, wie es ſchon bei ſo vielen unſerer Schüler der Fall iſt. Ein anderer Teil von Euch, meine ſcheidenden Schüler hat ſich einen anderen Weg erwählt. Ihr wollt Eure Schulzeit heute noch nicht abſchließen, ſondern noch einige Jahre die Prima bzw. O. II. eines Realgymnaſiums beſuchen. Die letzteren ſind durch die neue Verfügung, nach welcher die O. II. bei den Realprogymnaſien eingehen, recht ſchwer be⸗ troffen worden. Aber auch die Lehrer ſind ſchmerzlich berührt von dieſer Aenderung; denn eine langjährige Erfahrung hat ſie belehrt, daß bei keinen anderen aufeinanderfolgenden Klaſſen ein ſo günſtiger Fort⸗ ſchritt bezüglich der geiſtigen Entwicklung, des ernſten Erfaſſens eines zuerſtrebenden Zieles und eines dem Lehrer angenehmen rückſichtsvollen Betragens wahr⸗ zunehmen iſt, als bei der Verſetzung von U. II. nach O. II. Gern behält man ſolche Schüler noch im Unterricht; und wenn die O. II. nicht einginge, ſo würde ſie wahrſcheinlich von mehr Schülern als früher beſucht werden, deren Weggang wir um ſo mehr bedauern. Recht ſehr würde es aber die Lehrer freuen, wenn ihnen bekannt würde, daß der notwendig gewordene Schulwechſel an der vorher lobend er⸗ wähnten, von Euch zu erwartenden Umwandlung keinen nachteiligen Einfluß äußert. Solches würde gewiß ein ſicherer Beweis ſein, daß Ihr, meine lie⸗ ben Schüler, den rechten Weg betreten habt, der Euch auch gewiß zu Eurem vorgeſetzten Hauptziele führen wird, was Eure Lehrer beſonders freuen würde.

Zum Schluſſe komme ich nun zu den Abiturienten, welche die Reife⸗Prüfung beſtanden haben und ihre Studien zunächſt in der Prima eines Realgymnaſiums fortſetzen werden. Ich würde meine vorherige Aus⸗ ſage Lügen ſtrafen, wenn ich jetzt nicht die volle Zu⸗ friedenheit Eurer Lehrer mit Eurem ganzen Verhalten in O. II. hier ausſprechen wollte. Und ich thue es in der heutigen Feſtverſammlung einesteils, weil man Schülern in Euerem Alter das Lob, welches ſie ver⸗ dient haben, nicht vorenthalten ſoll, und andernteils

habe ich die Ueberzeugung, daß Euch dasſelbe nur ein Nationalhymne ſtehend geſungen wurde.

dispenſiert werdet. Einer ſolchen, in ernſtem Streben von Euch verbrachten Bildungszeit mögen dann viele Jahre reichen Erfolges nachfolgen.

Das walte Gott!

Ich übergebe nun im Namen des Provinzial⸗ Schulkollegiums die Reife⸗Zeugniſſe. Nicht nur ſie, ſondern auch die Stellungen, zu denen ſie Euch den Zutritt geöffnet haben, werden Euch gar oft an die Anſtalt, die Ihr nach jahrelangem Beſuch mit dieſer Stunde verlaßt, erinnern; und dabei vergeßt Eure Lehrer nicht.

Nachdem hierauf der Sängerchor den Chorgeſang Preis und Anbetung von H. Rink in gleich wohl gelungener Weiſe wie die vorhergegangenen vorge⸗ tragen hatte, fand die allgemein anſprechende Jubi⸗ läumsfeier ingemeinſchaftlichem Geſang des Liedes Ach bleib mit deiner Gnade ihren würdigen Abſchluß. Sie wird allen Teilnehmern noch lange in guter Er innerung bleiben.

In der Feſtverſammlung war von den früheren Schülern mehrfach der Wunſch ausgeſprochen worden, zur Feier des Tages noch einen Feſt⸗Commers ſeitens der früheren Schüler des Realprogymnaſiums ſowie der früheren Realſchule abzuhalten. Eine der hieſigen Zeitungen brachte darüber folgenden Bericht:

Marburg, den 11. April. Ein wirklich in jeder Beziehung gelungener und großartiger Abend war es, den die ehemaligen Realſchüler vorgeſtern Abend im Kreiſe ihrer früheren Lehrer und Schulkameraden zur Feier des 25jährigen Beſtehens des hieſigen Real⸗ progymnaſiums verbrachten. Hatten ſich doch nicht weniger als ca. 180 ältere und jüngere frühere Schüler in der geräumigen Freidhofs Teraſſe zuſammenge⸗ funden, um wieder einmal ein paar ſchöne Stunden im Verein mit den früheren Lehrern und Schulcollegen in angenehmer Erinnerung der ſo ſchönen Jugendzeit zu verbringen. Kurz nach ½9 Uhr wurde die zahl⸗ reiche Feſtverſammlung durch den Herrn Fabrikant Holzhauer mit einem kräftigen Salamander er⸗ öffnet. Es wechſelten hierauf in bunter Reihenfolge Feſtlieder, Reden, Toaſte und Trinkſprüche, während die ſtädtiſche Capelle zwiſchen den einzelnen Piecen ihre trefflichen Weiſen ertönen ließ. Der hier ver⸗ fügbare Raum geſtattet es nicht, auf jede einzelne Rede näher einzugehen und ſei deshalb nur in kurzen Worten dem Inhalt der verſchiedenen Trinkſprüche ꝛc. Platz gegeben. Den Reigen eröffnete Herr Heinr. Hering mit einem von den Verſammelten begeiſtert aufgenommenen Hoch auf Se. Majeſtät unſern deutſchen Kaiſer als den Beſchützer der Schule, worauf die Hierauf

Anſporn ſein wird, in der Prima der verſchiedenen pries Herr Hermann Eichelberg die großen

Anſtalten, die Ihr beſuchen werdet, mit gleichem Ernſt und bei gleicher ſittlicher Führung Eure weitere Aus⸗ bildung zu fördern. Und es wird die Lehrer außer⸗

Verdienſte des Herrn Rector Dr. Hempfing und ſchloß mit einem kräftigen Hoch auf denſelben. Hier⸗ für dankend ſprach Herr Dr. Hempfing in längerer,

ordentlich freuen, wenn Ihr auch nach Abſolvierung von Witz und Humor gewürzten Rede und ſchloß der Prima verdientermaßen vom mündlichen Examen mit einem urkräftigen Salamander auf das fernere

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