Aufsatz 
Bericht über die Jubelfeier zum 25jährigen Bestehen des Realprogymnasiums zu Marburg a.d. Lahn
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ein ſittliches Gegengewicht dar zu dem Materia⸗ lismus der Zeit, und die Erhaltung und Pflege dieſer Geſinnung bei der Jugend liegt in den Händen der Lehrer und iſt für unſere nationale Entwicklung von hoher Bedeutung.

Wenn alle Lehrer ernſtlich bemüht ſind in ſolchem Geiſte ihre Schüler zu bilden und zu erziehen, dann werden dieſe gewappnet ſein gegen diejenigen Lehren der Neuzeit, die Ordnung und Geſittung zu zerſtören trachten, und ſie werden allezeit mit deutſcher Treue einſtehen für Kaiſer und Reich.

Wenngleich ich bei dem aufs Aeußerſte beſchränkten Rückblick fürchten muß, die mir gütigſt geſchenkte Auf⸗ merkſamkeit der hochverehrten Verſammlung ſchon zu lange in Anſpruch genommen zu haben, und ich des⸗ halb auf einen Blick vorwärts verzichte, ſo kann ich meine Schilderung doch nicht ſchließen, ohne die Blicke zum Schluſſe, wie wir zu Anfang unſerer Feier gethan, noch aufwärts zu richten.

Dem aufmerkſamen Zuhörer wird es nicht unbe⸗ merkt geblieben ſein, daß der geſchilderte Entwicklungs⸗ gang unſerer Schule recht oft ein ſchwer bedrängter war, der mit Hinderniſſen mancher Art zu kämpfen hatte. In treuer Arbeit und im Vertrauen auf Gott, daß Er dieſer Schule Seinen Segen nicht verſagen werde, ſind wir zu dem erhofften und erſtrebten Ziele gelangt. Deshalb wollen wir dem Herrn danken und Ihn loben für ſeine uns bewieſene Hülfe und Gnade und mit der chriſtlichen Bitte ſchließen: Herr, unſer Gott, den wir durch Jeſum Chriſtum unſern Vater nennen, ſei uns auch ferner mit deiner Hülfe in Gnaden nahe, behüte die vorgeſetzten Behörden, die Lehrer und Schüler vor allen Gefahren dieſes Lebens, verleihe ihnen allen ausdauernde Treue und Freudigkeit im Lehren und Lernen und ſchenke unſerer Arbeit Deinen reichen Segen. Amen.

Hierauf wurden von den Herren Vertretern der ſtädtiſchen Behörden, der Geiſtlichkeit und der ſtädti⸗ ſchen Schulen, von den Kollegen und den früheren Schülern dem Feſtredner die herzlichſten Gratu⸗ lationen dargebracht, ſowohl wegen der erfreulichen Entwickelung der Anſtalt in den letzten 25 Jahren, als auch wegen der von ihm in dieſer Zeit geführten Leitung derſelben.

Der Sekundaner Wilh. Dörbecker überreichte im Namen der Sekunda ein der Schule als Andenken an die heutige Feier geſtiftetes, in Handzeichnung aus⸗ geführtes, großes Portraitdes Jubilars, deſſen frappante Aehnlichkeit allgemein die wohlverdiente Anerkennung fand.

Der Feſtredner ſprach den jugendlichen Gebern für das zum heutigen Tage ſo paſſend gewählte Ge⸗ ſchenk, wodurch ſie auch ihm eine angenehme Ueber⸗ raſchung und große Freude bereitet hätten im Namen der Anſtalt ſeinen beſten Dank aus.(Das Portrait hat ſeinen Platz in der Hora erhalten.)

10

Nach Vortrag des Chorgeſangs III. wurden die vortretenden Abiturienten mit folgender Anſprache des Feſtredners entlaſſen:

Mehrfache Gründe ſind es, welche mich wie bis⸗ her, ſo auch diesmal veranlaſſen, Euch, meine lieben ſcheidenden Schüler, an dem heutigen Tage am Schluſſe unſerer Gedenkfeier mit einem beſonderen Abſchiedswort zu entlaſſen.

Ein ſolches Wort an die ſcheidenden Schüler nach Vollendung des 7⸗ oder 6jährigen Kurſus iſt gewiß in vielen Beziehungen berechtigt und entſpricht zwei⸗ fellos ſowohl der äußeren Lage, als auch der Ge⸗ mütsſtimmung, in welcher ſich Lehrer und Schüler in ſolcher Abſchiedsſtunde befinden. Wie könnten die Lehrer die Schüler, denen ſie ſo viele Jahre hindurch Zeit und Mühe zugewandt haben, die ſie durch Lehre und Beiſpiel, Lob und Tadel, Ermah⸗ nungen und Warnungen auf den rechten Weg zu führen und auf demſelben zu erhalten ſich bemüht haben, aus der Schule ſcheiden ſehen, ohne ihnen ein Wort des Abſchieds zu widmen, eine gute Lehre für das Leben mitzugeben und ſie mit den beſten Segenswünſchen zu entlaſſen.

Ich darf aber auch vorausſetzen, daß ähnliche Ge⸗ danken und Empfindungen, meine lieben Schüler, auch Euer Herz gegenwärtig bewegen. Denn es iſt nicht anzunehmen, daß Ihr bei dem langjährigen Beſuch der Anſtalt nicht in dankbarer Anerkennung wahrgenommen hättet, wie ſich die Lehrer bemühten, Euch in Eurem Wiſſen und Können zu fördern, Euch je länger, je mehr dem vorgeſteckten Ziele näher zu bringen, das Ihr nunmehr erreicht habt.

Dieſes ſpricht unzweideutig aus, daß der Zeit⸗ punkt, an dem Ihr gegenwärtig angelangt ſeid, für Euch von großer Wichtigkeit ſein muß. Und er iſt es insbeſondere auch dadurch, weil er einen bedeutungs⸗ vollen Abſchnitt Eures Lebens begrenzt. Denn mit dem heutigen Tage beſchließen mehrere von Euch ihre Schulzeit, den zweiten Abſchnitt des menſchlichen Lebens, wenn wir die ſchulfreie Kindheit als den erſten und lieblichſten Teil bezeichnen.

Wenn auch der zweite Lebensabſchnitt dem erſten an Sorgloſigkeit nicht gleich kommt, ſo habt Ihr alle doch auch in dieſem Teil nicht das Wort Sorge in ſeiner drückenden Schwere kennen gelernt. Wohl aber möchte dieſes für diejenigen unter Euch, welche jetzt ins Leben mit ſeinem Kampfe treten wollen, in den kommenden Tagen der Fall ſein, und da iſt es der innige Wunſch Eurer Lehrer, daß die Sorge Euch nicht lange bedrücken und mit ihrer Schwere auch eine Lehre für Euch verbinden möge.

Das letzte Wort wird noch in mehrfacher Beziehung zu Euch bleiben; denn abgeſehen davon, daß unſer ganzes Leben eine Zeit der Lehre ſein ſoll, ſo tretet Ihr nach dem Schluſſe der Schulzeit zum Teil erſt in die eigentliche Lehrzeit ein. Sie wird größere Anforderungen an Euch ſtellen als es ſeither der Fall war; aber das kann ja einem jungen Mann,