an die vorgeſetzte Behörde in Caſſel und am 11. April erfolgte durch den Herrn Adminiſtrator Kurheſſens meine proviſoriſche Ernennung zum Vorſtand und erſten Lehrer der neuorganiſierten Realſchule.
Zu beſonderem Dank ſind wir dem damaligen
Schulreferent bei hieſiger Regierung, Herrn Pfarrer Schmidt, verpflichtet, daß er in der beſchränkten Zeit
nicht nur eine ſchnelle, ſondern auch eine gute Wahl bezüglich der weiteren Lehrer traf.
Inzwiſchen war die frühere Rektorwohnung zu Schulzimmern hergerichtet worden und konnte Oſtern 1867 in Gebrauch genommen werden. Am 2. Mai war ich in der angenehmen Lage in Gegenwart der
Kollegen Leimbach, Schreiber und Kramer, der der Herren Pfarrer Wolff und Dr. Collmann mit Gebet und Anſprache die neuorganiſierte
Geſang, Realſchule eröffnen zu können. Die Anzahl der Schüler,
welche die Aufnahme⸗Prüfung beſtanden hatte, war 105. Sie wurden in 3 aufſteigende Klaſſen verteilt, deren mittlere wegen der großen Anzahl der Schüler in 2 parallele Abteilungen geteilt werden mußte.
Hierdurch war bewieſen, wie irrig die wiederholt aufgetretene Anſicht war, daß in Marburg kein Boden zu einer Reallehranſtalt wäre.
Viel Arbeit brachten die nächſten Monate, da noch mehrere Lehrer fehlten; doch wurde dieſelbe gern gethan. Im Laufe des Sommers traten nach ein⸗ ander als Mitarbeiter ein die Herren Hölting, Dute und Kramm; die beiden erſteren übernahmen neben anderen Stunden auch den fremdſprachlichen Unterricht, den Herr Dr. Collmann mehrere Jahre freundlichſt gegeben, und wofür ihm die Anſtalt zu großem Dank verpflichtet bleibt.
Mit dem Beginn des Winterſemeſters waren die Lehrer in der erforderlichen Anzahl im Amte und arbeiteten mit gutem Mute und beſtem Willen, um die ihnen anvertrauten Schüler nach dem im Lehr⸗ plan vorgeſchriebenen Ziele hinzuführen. Daß ſich das Lehrerkollegium auf dem rechten Weg befand, wurde ihm zur angenehmen Gewißheit durch das Re⸗ ſultat der ſchon im Januar 1868 von dem Herrn Prov.⸗Schulrat Kretſchel ausgeführten Reviſion, welche ihn beſtimmte, ſich in anerkennender und er⸗ mutigender Weiſe über ſeine Wahrnehmungen aus⸗ zuſprechen.
So war denn unſer Schiff nunmehr in den rechten Kurs eingelenkt und die Lehrer bemühten ſich in dieſem nach beſten Kräften fortzuſteuern.
Zwei recht ſchwierige und drückende Fragen, die früherhin zur Beunruhigung der Beteiligten wieder⸗ holt aufgetreten waren, ſie waren nun verſtummt, nämlich die Selbſtändigkeitsfrage und Exiſtenzfrage der Anſtalt.
In der vor 25 Jahren begonnenen neuen Aera wurden nun in den erſten 6 Jahren alljährlich die Klaſſen nach oben weitergehoben und unten eine neue Klaſſe hinzugefügt, womit die Frequenz natürlich eine weitere Zunahme erhielt. Es war immerhin das
Hauptziel, die erſte Abiturienten⸗Prüfung, erſt nach 6 Jahren zu erreichen, und wenn auch die Lehrer durch die ſtets günſtigen Reſultate der Viſitationen wußten, daß ſie in rechter Weiſe vorwärts kamen, ſo war es doch von hohem Werte für das Publikum und die Schüler, daß nach Verlauf von nicht vollen 3 Jahren Se. Excellenz der Herr Unterrichts⸗Miniſter die Anſtalt als eine höhere Bürgerſchule im Sinne der Unter⸗ richts⸗ und Prov.⸗Ordnung für die Reallehranſtalten vom 6. Oktober 1859 in wohlwollender Weiſe aner⸗ kannte. Es war hiermit in officieller Form ausge⸗ ſprochen, daß ſich das Lehrerkollegium durch treue Arbeit das Vertrauen ſeiner vorgeſetzten Behörde erworben hatte.
Die Schüler waren der Anſicht, daß die verliehene Anerkennung ein ſo wichtiges und erfreuliches Ereignis ſei, daß alle Urſache zu einem Schulfeſte gegeben wäre. Auch die Lehrer und das Kuratorium ſchloſſen ſich dieſer Auffaſſung an, und letzteres bewilligte, daß den am Abend des freudigen Tages im Schullokal in Anweſenheit der Lehrer verſammelten Schülern Chocolade verabreicht werde. Man verlebte einige
V frohe Stunden mit einander und der Primus gab in gebundener Rede ſeinen Gefühlen und ſeinem Dank
im Namen aller Schüler Ausdruck. Er gedachte darin auch meiner definitiven Beſtellung, welche unter huld⸗ voller Anerkennung meiner treuen Dienſte wenige Tage zuvor erfolgt war. Das nun zunächſt zu er⸗ ſtrebende Ziel war gleichzeitig mit dem erfolgten Namenswechſel der Anſtalt, von Realſchule in höhere Bürgerſchule, beſtimmt worden, indem es in dem be⸗ treffenden Schreiben hieß, daß die erſte Abiturienten⸗ Prüfung abgehalten werden könnte, ſobald Schüler hinreichend vorgebildet ſeien. Zu Oſtern 1873 wurde dann die erſte Abiturienten⸗Prüfung unter dem Vor⸗ ſitz des Herrn Provinzial⸗Schulrat Kretſchel mit ſo günſtigem Erfolg abgehalten, daß ſämtliche 9 Abitu⸗ rienten beſtanden, welche dadurch in den Beſitz weſent⸗ licher Berechtigungen gelangten. Unſere höhere Bürger⸗ ſchule wurde nunmehr in die Zahl der höheren Lehranſtalten Preußens aufgenommen.
Um dieſe Zeit trat eine Verlängerung des Schul⸗ kurſus in allen höheren Lehranſtalten um ein Jahr ein, indem die Tertia zweijährig wurde. Es wurde ſomit der bisherige 6jährige Kurſus der Anſtalt zum jährigen ausgedehnt. Damit wurde aber die Er⸗ langung des Befähigungszeugniſſes zum einj.⸗freiw. Militärdienſt nur bei denjenigen Anſtalten um ein Jahr hinausgeſchoben und an ein ſchriftliches und mündliches Examen gebunden, welche beſtimmten, von der Behörde geſtellten Forderungen nicht entſprachen. Im Jahre 1878 wurde nun aber auch unſere Anſtalt denjenigen höheren Lehranſtalten gleichgeſtellt, denen das Recht zuſteht, durch eine Verſetzung ihrer Schüler von U. II. nach O. II. das erwähnte Zeugnis zu er⸗ teilen, welches bis heute bei 120 Unter⸗Sekundanern der Fall war; vor dem Jahre 1878 und von dem Jahr bis Oſtern 1892 hatten 97 Schüler das frag⸗


