beginnen jedoch 7 Jahre, in denen Ereigniſſe vor⸗ kommen, deren Erbleichen in ſpäterer Zeit nur er⸗ wünſcht ſein konnte. Ermunternde und zur Fortführung aneifernde Momente fand ich damals darin, daß die Leitung der Anſtalt in meiner Hand lag, und es mir gelang unter den beſchränkteſten Verhältniſſen die Schülerzahl der Realſchule zu verdoppeln.
An Aufſtellung von Reorganiſationsplänen hat es auch in dieſer Zeit nicht gefehlt; doch ſegelte man damals in den Realſchulangelegenheiten mit beträcht⸗ lich ſchwächerem Winde als früherhin.
Irrtum vorbehalten, ſchien es zu Anfang der 50er Jahre, als ob die Perſönlichkeit für die Inſpektor⸗ ſtelle die Hauptſache ſei und die Anſtalt erſt in 2. Linie in Betracht komme. Im Frühjahr 1854 war denn der Vorſtand in der Perſon des Pfarrers Grau zu Kirchheim bei Hersfeld gefunden, dem auch die Ober⸗ ſchulinſpektion über die hieſigen ſtädtiſchen Schulen übertragen wurde.
In dem neuen Organiſationsplan der Realſchule war ein Fortſchritt in der Weiſe zu bemerken, daß die Anſtalt nicht mehr aus zwei, ſondern aus drei Klaſſen mit einer 4jährigen Kurſusdauer beſtehen und Schüler vom 11.—15. Lebensjahr unterrichten ſollte. Eine beſondere Einrichtung der neuen Realſchule können wir ſelbſt bei aller Kürze nicht unerwähnt laſſen, da ihre Brauchbarkeit oder vielmehr Unbrauch⸗ barkeit durch den Verſuch an unſerer Schule entſchieden werden ſollte. Es war die in jener Zeit noch ſchwebende Frage, ob es die Aufgabe einer Realſchule ſei, ihren Schülern eine Fachbildung oder eine allgemeine Bildung zu gewähren. Dem neuen Plane lag die erſtere Anſicht zu Grunde und deshalb ſollten die beiden oberen Klaſſen in 2 Abteilungen zerfallen: in eine baugewerkliche mit vielem Zeichnen und keinen fremden Sprachen und eine kaufmänniſche, die ent⸗ gegengeſetzt organiſiert war.
Beim Inslebentreten dieſes Planes zu Michaeli 1854 zeigte ſich, daß diesmal der Fall eingetreten war, daß der Wirt die Rechnung ohne die Gäſte gemacht hatte. Die Schüler der 2. Klaſſe im Alter von 12 Jahren konnten noch gar nicht angeben, welches ihr ſpäterer Beruf ſein würde, und ſo wurden ſie der Abteilung für allgemeine Bildung zugewieſen und die baugewerkliche Abteilung in der 2. Klaſſe war ſomit gefallen. Aber auch in der 1. Klaſſe zählte dieſelbe nur wenige Schüler und nach einigen Jahren ver⸗ ſchwand dieſe Abteilung auch hier. So war denn durch dieſe Probe entſchieden, daß die Aufgabe der Realſchule der des Gymnaſiums gleich ſei, daß ſie nämlich wie dieſe höhere Lehranſtalt, wenn auch mit anderen Mitteln, ihren Schülern eine allgemeine Bil⸗ dung zu gewähren habe. In der Unterrichts⸗ und Prüfungsordnung vom 6. Oktober 1859 für die Real⸗ und höheren Bürgerſchulen, dem ausgezeichneten Werke des Geheimrats Wieſe, welcher das preußiſche höhere Schulweſen 25 Jahre geleitet und hoch gebracht hat, wurde denn auch wenige Jahre ſpäter dieſe Anſicht
wiſſenſchaftlich und pädagogiſch begründet und in einem ausführlichen Lehrplan die praktiſche Durchführung gezeigt. Zur vollſtändigen Beſeitigung des eingeführten Lehrplans war allerdings die außerordentliche Hülfe eines miniſteriellen Kommiſſars in der Perſon des Kaſſeler Oberſchulinſpektors Prof. Dr. Bezzenberger nötig geweſen. Indeſſen zeigten die kommenden Jahre, daß zum Gedeihen der Anſtalt außer einem zweck⸗ mäßigen Lehrplane Verſtändnis in der Leitung und guter Wille bei den Lehrern nicht fehlen dürfen. Der Rückgang in der anfänglichen Frequenz der Schule war chroniſch geworden und veranlaßte die reſp. Be⸗ hörden an Auffindung der Urſachen und deren Be⸗ ſeitigung zu denken. Selbſterkenntnis iſt bekanntlich meiſtens ſchwer und war es im vorliegenden Falle wo unter anderen auch Familienverhältniſſe in Betracht keirmeße ne recht.
s wurde als Urſache des Rückgangs von de reſp. Behörden hauptſächlich der Wesandntmspden der dreiklaſſigen Realſchule erkannt und Abhülfe glaubte man in der Ausführung eines Lehrplanes zu finden welcher ſchon, wie erwähnt, bei der Gründung der zweiklaſſigen Realſchule vor 20 Jahren im Schulvor⸗ ſtand Vertreter hatte, nämlich in einer Verbindung der Realſchule mit den beiden oberen Klaſſen der Knabenſchule. Die durch das im Dezember 1860 nach längerer Krankheit erfolgte Ableben des Rektors Weyrauch eingetretene Erledigung der Rektor⸗ und 1. Lehrerſtelle an der Knabenſchule bot eine äußerſt günſtige Gelegenheit, den neuen Vereinigungsplan zu Oſtern 1861 ins Leben treten zu laſſen. Mit den ſtädtiſchen Behörden wurden wegen dieſer Aenderung keine Verhandlungen gepflogen.
So war denn unſere Schule wiederum eine Ver⸗ ſuchsſtation geworden, und fügen wir gleich lnen er ebenfalls negativem Reſultate wie früher. Indeſſen war die Probe von nicht zu unterſchätzendem Werte, indem nunmehr der thatſächliche Beweis der Unzweck⸗ mäßigkeit, ja Unausführbarkeit der fraglichen Ver⸗ einigung geliefert wurde und deshalb konnte bei etwa ſpäter wieder auftretenden Vorſchlägen auf die gemachten mißlungenen Verſuche verwieſen werden. Die Haupturſache des Mißlingens war die Ver⸗ einigung zu ſehr verſchiedener Schüler, ſowohl nach ihren häuslichen Verhältniſſen, als auch nach der Auf⸗ gabe, welche die Eltern für ihre Söhne der Schule ſtellen. Wollte man aber Sichtung der Schüler nach dieſen Verſchiedenheiten vornehmen, nun dann hätte man wenigſtens zwei verſchiedene Schulen machen müſſen. Dadurch, daß man der Realklaſſe im Plane einen zweijährigen Kurſus gab und ihr dasſelbe Ziel wie der 1. Klaſſe der früheren ſelbſtändigen Real⸗ ſchule ſetzte, war in Wirklichkeit nichts erreicht; denn weder blieben die Schüler zwei Jahre in der Klaſſe, noch war es möglich in den verminderten Zielen der beiden Bürgerſchulklaſſen die frühere Aufgabe der erſten Klaſſe noch zu erreichen. Unter dieſen Umſtänden war es dann gewiß eine beſondere Vergünſtigung,


