Aufsatz 
Bericht über die Jubelfeier zum 25jährigen Bestehen des Realprogymnasiums zu Marburg a.d. Lahn
Entstehung
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wärtigen Anſtalt zu Michaelis 1838 als zweiklaſſige Realſchule eröffnet worden, nachdem einige Jahre zuvor Verhandlungen wegen ihrer Gründung gepflogen worden waren. Somit waren vor 3 Jahren 50 Jahre verfloſſen. Von dieſen entfielen 22 Jahre auf die höhere Bürgerſchule bezw. das Realprogym⸗ naſium und 28 Jahre verteilten ſich auf die frühere Realſchule, in deren drei verſchiedene Formen; nämlich 16 Jahre auf die zweiklaſſige, 7 Jahre auf die dreiklaſſige Realſchule und 5 Jahre auf die einklaſſige mit der Knabenſchule in Ver⸗ bindung geſetzte Realſchule. Hiernach entfiel nicht nur der größere Zeitabſchnitt auf das unveränderte Real⸗ progymnaſium, ſondern es zeigte auch die bei weitem größere Frequenz, denn dieſe betrug in letzterem meiſtens 200 Schüler, während die dreiklaſſige Realſchule nur einmal 70 und die andern Formen noch viel weniger Schüler zählten. Mehr noch tritt der Unterſchied zwiſchen den drei verſchiedenen Formen der Realſchule vor dem Jahre 1867 und der Real⸗ lehranſtalt nach dieſem Jahr in Rückſicht auf Klaſſen⸗ zahl, Unterrichtsdauer und vor allem auf die der letzteren zuſtehenden vielen und ſchätzbaren Berech⸗ tigungen hervor. Es ſchien mir daher vor 3 Jahren angezeigt, noch dieſe Zeit vergehen zu laſſen und am Ende dieſes Schuljahres einen Schulaktus zur Feier des unveränderten 25jährigen Beſtehens der höheren Bürgerſchule und des Realprogymnaſiums zu veran⸗ ſtalten und hierbei auch pflichtſchuldigſt der voraus⸗ gegangenen Realſchule zu gedenken.

Es dürfte daher ſowohl der Erwartung der hoch⸗ verehrten Anweſenden als auch einem verbreiteten Gebrauch entſprechend gefunden werden, wenn zur Feier des heutigen Tages mir geſtattet würde, in der durch die verfügbare Zeit beſtimmten Kürze die Geſchichte der früheren Realſchule und des folgenden Realprogymnaſiums den hoch⸗ verehrten Anweſenden vortragen zu dürfen.

Bei dieſer Schilderung befinden wir uns in gleich angenehmer Lage, wie der Leſer einer Beſchreibung eines vom Erzähler ſelbſt erlebten mächtigen See⸗ ſturms, oder eines anderen lebensgefährlichen Ereig⸗ niſſes. Hierbei hat auch der Leſer den tröſtlichen Gedanken eines glücklichen Ausgangs, und in ſolchen Fällen laſſen ſich viele Kataſtrophen mit weniger Auf⸗ regung und Beklommenheit mit dem Verfaſſer in Gedanken durchleben. Auch bei der heutigen Feier haben wir den beruhigenden Gedanken, daß, was auch früherhin das Schickſal unſerer Anſtalt geweſen ſein mag, wie ſchwierig und ſelbſt den Beſtand bedrohend ſich die Verhältniſſe geſtaltet haben mögen, die Gegen⸗ wart und ein Rückblück auf die letzten 25 Jahre zeigen uns das ſtete Blühen unſerer ſtädtiſchen Reallehr⸗ anſtalt, die ſchon ſeit langer Zeit zu den frequenteſten Realprogymnaſien der preußiſchen Monarchie zählt. Dieſes durch 50 Semeſter hindurch gezeigte Wachſen der Jubilarin ſei der rechte Feſtgedanke in dieſer Feierſtunde und dieſe Feſtſtimmung möge nicht beein⸗

flußt werden durch die Erinnerung an manche unan⸗ genehmen, ja betrübenden Momente in dem verfloſſenen halben Jahrhundert. Kommt uns doch die Natur ſchon hierbei mit der weiſen Ordnung zu Hülfe, daß unſer Gedächtnis freudige und glückliche Ereigniſſe treuer und länger als ſchmerzliche und unglückliche bewahrt, auch jene leichter wieder in die Erinnerung zurückrufen kann. Als erſtes ſolch freudiges Ereignis iſt die Gründung der Realſchule ſelbſt zu nennen, wenn wir die Berichte der beiden reſp. Behörden: Stadtrat und Schulvorſtand leſen. Während erſterer von der dankbarſten Freude über die Gründung der heilbringenden Anſtalt durchdrungen iſt, fühlt ſich der Schulvorſtand zum wärmſten Dank für die wahrhaft väterliche Fürſorge des Kurfürſtl. Miniſteriums ver⸗ pflichtet. Indem nun der Stadtrat die von der Regierung geſtellten Forderungen zu erfüllen verſpricht, bemüht ſich der Schulvorſtand durch ſorgfältige Er⸗ wägungen der hieſigen Verhäliniſſe einen dieſen ent ſprechenden Organiſationsplan zu entwerfen.

Hierbei trat nun ſchon damals die Frage auf, der wir im Laufe der nächſten 30 Jahre wiederholt begegnen: Ob nänlich die Realſchule eine ſelbſtändige Anſtalt unter beſonderer Leitung ſein ſoll, oder ob ſie in eine innige Verbindung mit der Knabenſchule zu bringen ſei. Eine gründliche Erörterung war zu jener Zeit, wo man noch keine Erfahrung, ja kaum eine Anſicht über dieſe neue Schulart hatte, nicht möglich. Die Verhandlungen hierüber, ſowie über das Schullokal zogen ſich zwei Jahre hin und erſt zu Michaeli 1838 Weie die ſelbſtändige Realſchule von ihrem erſten Inſpektor Nöding eröffnet werden und zwar mit der 2. Klaſſe. Im Sommer 1839 zählte dieſe Klaſſe 15 Schüler.

Unſerm Vorſatze eingedenk wollen wir in dieſer Stunde der beſchränkten Verhältniſſe der Anſtalt in jener Zeit nur kurz gedenken. Aber ich darf annehmen, daß manche Bürger Marburgs, die nun nachgerade auch in die beſten Jahre eingetreten ſind, ſich noch mit Pietät und Dankbarkeit des erſten Lehrers und Inſpektors Nöding erinnern, der mit aufopfernder Treue und Liebe ſeinem Berufe ergeben war, der es auch verſtand hierdurch und durch die ſchöne Gabe des Wortes die Herzen ſeiner Schüler zu gewinnen, und der durch Ausfall von Stunden mehr litt als durch die rheumatiſchen Schmerzen, welche die Unter⸗ brechung im Unterricht verurſachten. Er war faſt ein Jahrzehnt hindurch der einzige feſte Stütz⸗ und Halte⸗ punkt der zweiklaſſigen Anſtalt. Denn mit Ausnahme des franz. Lehrers, welcher zugleich Privatdocent an der Univerſität war, waren die anderen Lehrer wegen der beſchränkten äußeren Verhältniſſe Zugvögeln zu vergleichen, und die ungünſtigen Folgen dieſes Um⸗ ſtandes konnten jene beiden Lehrer nicht aufheben. Auch meine Erinnerung an Inſpektor Nöding wäh⸗ rend des letzten Jahres ſeines Wirkens iſt eine liebe⸗ und pietätvolle, und unangenehme Bilder aus jener Zeit brauchen nicht zu erblaſſen. Mit dem Herbſt 1847