13 sichtige Liebschaft der Kaiserin mit dem Freigelassenen Pallas.) Während nun Agrippina mit ihrer Anschuldigung kein Glück hatte, das freundschaftliche Verhältnis des Kaisers zu Narcissus vielmehr unerschüttert blieb, hatte dieser die Genugtuung zu bemerken, daß Claudius in seinem Vertrauen zu seiner Gemahlin endlich wankend wurde. Wenigstens wird überliefert, daß er eines Tages sich bitter über seine Ehe mit ihr geäußert, und die Absicht ausgesprochen habe, sie zu bestrafen.²) Ueberdies erfahren wir, daß er kurz nach dem eben erzählten Vorgang seinen Sohn Britannicus mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit in seine Arme geschlossen und dabei auf Griechisch gesagt habe: àd 1έισας α 1ασέκν α³) Unter diesen Umständen beschloß Agrip- pina, um ihren Sturz zu verhindern und ihrem Sohne endgiltig den Thron zu verschaffen, sich zu beeilen und griff deshalb zum äußersten. Während einer Abwesenheit des treuen und wach- samen Narcissus tötete sie ihren Gemahl durch einen vergifteten Pilz, den sie ihm wie eine für- sorgliche und liebenswürdige Gemahlin eigenhändig auf seinen Teller legte.“)) Man hat die Ver- mutung ausgesprochen, daß die Erzählung von der Vergiftung des Claudius erfunden sei(Ranke Weltgesch. III p. 107), indes glaube ich dies nicht, zumal Nero selbst später mit der zynischen Be- merkung: sein Adoptivvater habe sich an Pilzen zum Gott gegessen, die Wahrheit derselben an- erkennt. ⁵)
Es gab zu allen Zeiten und gibt noch heute einzelne Personen, ja ganze Familien, die beson- ders vom Unglück verfolgt zu sein scheinen. Zu diesen gehörte im Altertum die Julisch-Claudi- sche Familie. Man sollte fast meinen, daß das Schicksal dafür, daß es seine Mitglieder weit über die anderen Sterblichen erhob, ihnen auch weit mehr menschliches Unglück zu kosten gab. Der gewaltige Tiberius, der gefeierte Augustus waren im Grunde genommen nur bedauernswerte Menschen und bedauernswerter fast als beide Kaiser Claudius. Sein ganzes Leben bildet fast eine einzige Kette von Enttäuschungen. In seiner Jugend meist kränklich und deshalb verein- samt, hatte er, älter geworden, fast niemand, dem er sein Vertrauen schenkte, ohne hinterher aufs schändlichste getäuscht zu werden. Selbst das Glück der Familie, das manchem eine Ent- schädigung für die Unannehmlichkeiten des öffentlichen Lebens bietet, fehlte ihm gänzlich. Seine Braut Medullina Camilla raubte ihm an dem zur Hochzeit bestimmten Tage der Tod. Seine erste Gemahlin Plautia Urgulanilla mußte er wegen ihrer Ausschweifungen verstoßen; von der zweiten Aclia Pätina trennte ihn bald eine unüberwindliche Abneigung. Welches Unglück ihm aber in der dritten und vierten Ehe beschieden war, haben wir zur Genüge gesehen. Wenig Erfreuliches er- lebte er auch an seinen Kindern. Ein prächtiger Knabe aus seiner ersten Ehe mit Namen Drusus starb ihm plötzlich im zarten Alter durch einen merkwürdigen Zufall. Er erstickte, da er in kind- lichem Spiele eine Birne in die Luft warf und mit dem Munde wieder auffing. An zweien seiner Kinder haftete der Makel illegitimer Herkunft. Das eine, Claudia, schickte er dessen Mutter Urgu⸗
¹) Tacitus ann. XII 65.
²) Tacitus annal. XII. 64. Sueton 43.
³) Sueton 43. Wie bei diesem Stand der Dinge Agrippina noch den Einfluß besessen haben soll, ihre Schwägerin Domitia Lepida, die Großmutter des Britannicus zu stürzen— Tacitus nämlich XII 64 f. tut So0, als ob diese lediglich den Intriguen der Kaiserin zum Opfer gefallen sei—, bleibt merkwürdig. Indes, wie wir Claudius kennen gelernt haben, war es nicht der Einfluss der Agrippina, die sie zu Fall brachte, sondern offenbar der Umstand, daß er ihre Anklage für berechtigt hielt. Ich habe an einer anderen Stelle, dem oben angeführten Aufsatz in Vergangenheit und Gegenwart 1913. Heft 6, diesen Prozeß behandelt und den Sturz dieser Frau hauptsächlich darauf zurückgeführt, daß sie eine Christin war. Daß auch Narcissus das Cristen- tum begünstigte, wenn nicht selbst ein Christ gewesen ist, scheint eine Stelle im Römerbrief des Paulus XIV, 11 darzutun. Doch glaube ich nicht, daß er je zu seinen Lebzeiten in einem solchen Verdacht gestanden hat, sonst würde er nicht gewagt haben, die angeklagte Domitia Lepida zu verteidigen.(Tacit. XII. 65).
¹) Tacitus XII 66— 68. Es ist charakteristisch für Claudius, daß er trotz allem, was er von Agrippina zu hören bekam, doch immer noch an ihr festhielt.
⁵) Dio 60, 35. Sueton, Nero 33.


