Aufsatz 
Der Kaiser Claudius. Eine historische Studie
Entstehung
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lichen Seele, da ja mit Gewaltmaßregeln in solchen Fällen nie etwas, mit Spott und Ver- achtung dagegen viel erreicht werden kann. Erfolg freilich hat er nicht gehabt; aber das lag nicht an ihm, sondern daran, daß sich die Lehre Chiristi eben nicht unterdrücken ließ. Jedenfalls war er meiner Ansicht nach ein gefährlicherer Gegner der Christen, als Nero, der sie verfolgte.¹) Wer unter diesen Umständen den Kaiser Claudius noch für beschränkt halten mag, der, glaube ich, hat sich nie recht Mühe gegeben, diesen Mann zu verstehen, und ich verweise zum Schluß auf Dio Cassius 60, 3 ff., wo er zum Beweise seiner Ansicht, daß jener, wenn er nicht von Furcht oder Begierde beeinflußt gewesen, stets vernünftig handelte, uns seine ersten trefflichen Regie- rungshandlungen umständlich erzählt.

Es soll und kann nicht geleugnet werden, daß auch Claudius wie jeder Mensch seine Feh- ler und Schwächen gehabt hat. So war er ohne Zweifel eine etwas sinnlich angelegte Natur.¹) er war aufbrausend,²) nicht frei von Aberglauben und litt, wie dies bei Gelehrten öfter vorkommen soll, an großer Zerstreutheit. Wenn allerdings berichtet wird, daß er nach der Hinrichtung der Messalina bei Tisch gefragt habe, warum denn die Domina nicht komme,¹) so bezweifle ich nicht, daß derartiges in Rom erzählt wurde, indessen halte ich denn doch die Römer für viel zu gescheit, als daß sie hierin nicht das erblickt hätten, was es wirklich war eine Uebertreibung. Fügen wir nun noch hinzu, daß Claudius ein etwas eigensinniger Kopf und vielleicht auch nicht besonders tapfer war, so glauben wir die schlechten Eigenschaften seines Charakters aufgezählt zu haben. Im übrigen wurden diese seine Fehler durch eine Reihe trefflicher Eigenschaften auf gewoge n. So war er frei von jeder Geldgier. rεoοε τα zoνμαα dan- dαα–ε& νετο). Er war für seine Person überaus bescheiden und in seinem Auftreten von bürger- licher Einfachheit. Jede Ueberhebung war ihm fremd; er war im Verkehr mit anderen freundlich und entgegenkommend, taktvoll und zartfühlend, zu rücksichtsvoll vielleicht Menschen gegen- über, die dies nicht zu würdigen verstanden.) Von seiner Humanität ist schon oben gesprochen worden. Bei alledem war er überaus tätig und in Erfüllung dessen, was er für seine Pflicht hielt,

wirkt durch seinen Tod einen solchen Umschlag der Stimmung unter den Senatoren, daß man nunmehr den Ankläger cum infamia aus der Curie stößt.(Tacit. Xll 59). Was läßt sich hieraus schließen? Einmal. daß unter magicae superstitiones das Christentum gemeint sein kann, dem fern zu stehen Statilius Taurus- das war der Prokonsul durch seinen Selbstmord bewiesen hat, und dann, daß die Beschuldigung, ein Christ zu sein, jedem Angeklagten von vornherein verhängnisvoll war. Dem Statilius traute man als Christ die Erpressungen zu; als es sich aber herausstellte, daß er dies nicht war, schien er auch von der Haupt- anklage gereinigt.

¹) Weiter ausgeführt und näher begründet ist die oben ausgesprochene Ansicht der antichristlichen Politik des Claudius in meinem Aufsatze, Der große Brand in Rom und die Neronische Christenverfolgung in der Zeitschrift. Vergangenheit und Gegenwart 1913, Heft 6.

. ²) Dio 60. 2. Daß jedoch die Berichte der Alten hierüber weit übertrieben sind, beweist für mich eine Rede des Vitellius(Tacit. XII 57), in der er nicht, ohne sich bodenlos lächerlich zu machen, so wie er es tut. von Claudius hätte sprechen können, wenn dieser wirklich ein notorischer Wüstling gewesen wäre.

) Sueton. Claudius c. 38: Irae atque iracundiae conscius Sibi... Dio 60. 33 erzählt, daß er einst einen unverschämten Advokaten Julius Gallicus, der mit großer Hartnäckigkeit eine ungerechte Sache vor ihm verteidigte, kurzer Hand in den Tiberfluß werfen ließ. Der vielbelachte Witz, mit dem der berühmte Rechtsgelehrte Domitius Afer nachher die Uebernahme der gleichen Sache ablehnte:Wer sagt Dir, daß ich ein besserer Schwimmer bin wie Gallicus? spricht für die Wahrheit der Geschichte, läßt aber auch wohl erkennen, daß der Prozeß wirklich ungerecht war und daß man den Kaiser für so gescheit hielt, einen guten Witz zu vertragen. Wahrscheinlich hatte Claudius den Gallicus, der ein schlechter Schwimmer war. wieder Aus dem Tiber herausholen lassen müssen, um ihn vor dem Ertrinken zu bewahren.

) Sueton c. 39.

) Dio 60, 6.

3) Er erhob sich, wenn Consuln mit ihm sprachen(Dio 60, 6 u. 12). Er besuchte kranke Senatoren oder wohnte deren Familienfesten bei. Bei öffentlichen Spielen stand er, wenn der Veranstalter das Theater betrat. wie alle übrigen auf.(Sueton c. 12). Uebergroße Ehrungen, so den Antrag, ihn Vater des Senats zu nennen. lehnte er ab(Tac. ann. XI 25). Das Knie vor ihm zu beugen und Opfer darzubringen, verbot er aufs strengste(Dio 60,5). Alle häuslichen Feste beging er in aller Stille(Sueton c. 12. Dio 60, 5. 12). So oft er nicht als Kaiser aufzutreten hatte, ging er als einfacher Senator gekleidet u. a. m.