10 bei dem nur schwer zugänglichen Kaiser anzuklagen, seine auf Wahrheit beruhende Anzeige eben mit der Erzählung eines Traumes eingeleitet hat, nur um überhaupt Gehör zu finden, also daß Claudius nachher, ohne zu erröten, im Senat sagen konnte, Narcissus wache selbst schlafend für seine Sicherheit.
Es ist schon oben angedeutet worden, daß man den Kaiser Claudius für einen dummen und albernen Menschen gehalten hat. Aber auch dies ist geradezu unbegreiflich. Ein Mann, der anerkannttüchtige Werke geschrieben, den in seinen geschichtlichen Studien zu unterstützen, ein Livius nicht verschmähte,¹)) der zweifels- ohne vernünftige und sogar gute Reden gehalten hat,) kann der Idiot nicht sein, als den man ihn verschrieen hat. Besonders ist es Sueton, der mit seinen törichten und kritiklosen Erzählungen von seinen richterlichen Entscheidungen und censorischen FErlassen ihm bei der Nachwelt diesen Makel angeheftet hat. Und doch sind die Urteile, die er alsbesonders einfältig hinstellt, durchaus nicht dumm— eines nennt Duruy geradezu ein Salomonisches Urteil—, andere machen schon durch ihre Einführung mit fertur oder illud quoque a mairribus natu audie- bam von vornherein den Eindruck des Anekdotenhaften. Das absprechende Urteil Suetons rührt meist daher, daß er die näheren Umstände, die den Kaiser Claudius bei seiner Handlungsweise bestimmten, nicht genau oder überhaupt nicht kannte. Das aber muß uns von vcornherein mit Mißtrauen gegen seine Erzählungen erfüllen, zumal wir sehen, daß da, wo sich, nach gewissen An- zeichen zu schließen, ein höherer Gesichtspunkt erkennen läßt, es sich zeigt, daß er zielbewußt und mit reiflicher Ueberlegung vorgegangen ist.
Daß das Christentum der alten Welt den Untergang bringen mußte, ist uns heutzutage völlig klar. Ging doch mit der Lehre Christi ein neuer Geist durch die Völker, der langsam, aber sicher die Anschauung der Menschen in einschneidender Weise beeinflußte und alle antiken Ver- hältnisse gänzlich umgestaltete. Einer der ersten nun, der schon im Altertum dies mit schar- fem Blick erkannte, war Claudius. Er hat drum— und wer wollte es ihm als römischem Kaiser verübeln?— die christliche Religion zu unterdrücken gesucht. Die Art aber, wie er dabei vor- ging, verrät eine ungewöhnliche Klugheit und Einsicht, insofern sie zum Teil dar- auf hinauslief, das Christentum mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen(Hebung der Staats- religion,²) soziale Maßnahmen zur Besserung der Lage der Sklaven,“)) zum Teil in mabvoller Weise durch gesetzliche Bestimmungen seiner Ausbreitung entgegen arbeitete(Verbot der Ab- haltung des christlichen Gottesdienstes,“) senatus consultum Claudianum⁰)) Ich sage in maßvoller Weise, denn verfolgt hat Claudius die Christen eigentlich nicht, wenn er auch bei jeder Gelegenheit seine Verachtung für die externa et exitiabilis superstitio offen zur Schau trug und in der Ueberzeugung, daß ihre Anhänger zu allem Schlechten fähig seien, vor Gericht die Zugehörig- keit zum Christentum als einen Hauptindizienbeweis für die Schuld der Angeklagten gelten ließ.:) Hiermit aber bekundete er ebenfalls eintiefes Verständnis für das Wesen der mensch-
¹) Sueton Claud. c. 41. ») In betreff seiner Reden vergleiche man Tacit. ann. XI 15. 24. XII 11. 22. 61 und die zwei großen
Bruchstücke der tabulae Lugdunenses.
³) Tacit. ann. XI 15 Sueton Claud. 25.
¹) Dio 60, 29. Sueton 25.
⁵³) Sueton c. 25 im Vergleich mit Dio 60, 6.
) Tacit. XII 53.
²) Ueber die Rolle, die das Christentum vor Gericht spielte, eine Vermutung: Ein Prokonsul von Afrika wird nach seiner Rückkehr von einem früheren Untergebenen vor dem Senat der Erpressung angeklagt, nichts Ungewöhnliches im alten Rom und im großen ganzen wohl auch nicht besonders gefährlich. Dessen Sache jedoch gestaltete sich sehr schlimm, da der Ankläger ihm gleichzeitig magicas superstitiones vorwarf. Da jener die unwürdige Erniedrigung, in die er sich versetzt sah, nicht erträgt, tötet er sich selbst und be-


