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vina.¹) Zu statten kamen ihr dabei im ersten Fall die übergroße Jugend des Britannicus, der, erst neun Jahre alt, bei einem plötzlichen Tode des Claudius als Nachfolger schwerlich in Betracht kommen konnte, und im zweiten der Umstand, daß die Geschwister tatsächlich, wie Tacitus selbst zugibt, unvorsichtig in der Aeußerung ihrer geschwisterlichen Liebe waren.²) Geradezu abgefeimt aber und geeignet selbst den zähesten Widerstand zu besiegen, war die Art, wie Agrippina den armen Britannicus seinem Vater entfremdete. Zunächst erweckte sie, gestützt auf das ausschweifende Leben seiner Mutter Messalina, in dem Herzen des Claudius den quälen- den Zweifel an seine Vaterschaft,¹) und als in Folge der Bevorzugung des Nero eine allgemeine Unzufriedenheit und offene Parteinahme für den zurückgesetzten Prinzen im Volke und bei den Prätorianern, ja selbst am Kaiserhofe sich geltend machte, nutzte sie diese Kundgebungen in ge- wissenloser Weise gegen ihren Stiefsohn aus.4) Wäre nun Claudius ein Mensch gewöhnlichen Schlages gewesen, so hätte er wahrscheinlich, zumal die ernsthafte Natur der zuletzt erzählten Vorgänge nicht bezweifelt werden kann,) seinen Sohn fallen lassen. Das tat er aber keineswegs, und da einen vollständigen Bruch zwischen Vater und Sohn herbeizuführen, Agrippina nicht im- stande war, so sah sie sich schließlich, um zu ihrem heißersehnten Ziel zu gelangen, gezwungen, ihren Gemahl zu töten. Somit kann ich auch in dem Verhalten des Claudius Nero und Britannicus gegenüber durchaus keine Unselbständigkeit er- blicken. Wenn er bis zu einem gewissen Grade nachgab, so geschah dies hinsichtlich der Adoption, weil er selbst diese für zweckmäßig halten mußte, hinsichtlich der Auflösung der Ver- lobung Octavias mit L. Silanus, weil er aus Liebe zu seiner Tochter sie mit keinem Unwürdigen vermählen wollte.
All demgegenüber müssen wir uns in unserem Urteil auch da zur Vorsicht mahnen lassen, wo berichtet wird, daß scheinbar unbegründete, von der Umgebung des Claudius erhobene An- schuldigungen diesen ohne weitere Ueberlegung zum Einschreiten gegen die Beklagten veranlaßt hätten. Ich denke hier hauptsächlich an die Hinrichtung des Appius Silanus,“) sowie an die des Va- lerius Asiaticus.“) Beide sollen lediglich dem Hasseund der Geldgier der Messalina zum Opfer gefallen sein. Aber wer will mit Sicherheit behaupten, daß Silanus kein Verschwörer gewesen ist, wo nach seinem Tode und durch diesen veranlaßt, tatsächlich ein Aufstand ausbrach.“) und wer den Asiaticus für schuldlos halten, der schon bei der Ermordung des Caligula eine hervorragende Rolle gespielt hatte und als Kandidat für den erledigten Thron aufgetreten war? In beiden Fällen hat wenigstens Claudius eine offene Verhandlung im Senat nicht gescheut, und der Umstand, daß dieser das Vorgehen gegen die Bestraften billigte, ist immerhin geeignet, ihn von dem Vorwurf der Unselbständigkeit zu entlasten.⁰)—
Dabei soll nicht einmal in Abrede gestellt werden, was Dio berichtet, ¹⁰) daßs nämlich Mes- salina und Narcissus durch Erzählung erdichteter Präume den Sturz des genannten Silanus herbei- geführt hätten. Es ist nämlich nicht undenkbar, daß der dem Kaiser treu ergebene Freigelassene, überzeugt von der Gefährlichkeit des Silanus, aber aus Furcht einen so hochstehenden Mann
¹) Tacit. XII 4; 8. Sueton, Claud. 29.(Seneca) apokol. 8, 2.
²) Hierin liegt zugleich eine vollgiltige Rechtfertigung für das Verhalten des Claudius.
³) Sueton, Nero c. 7 erzählt, daß Nero nach einem Streite mit Britannicus dessen legitime Geburt bei Claudius in Zweifel 20 g. Was aber dieser zu tun wagte, hat sicherlich Agrippina erst recht getan.
¹) Tacit. XII 41. Dio 60. 32.
⁵³) Die Absetzung der Prätorianerpräfekten, die doch trotz ihres zweifelhaften Verhaltens bei der Ver- schwörung des Silius im Amte blieben, spricht für diese Auffassung.
e ³) Dio 60, 14. Appius Silanus war der Vater des Lucius und in 2. Ehe mit der Mutter der Messalina
verheiratet.
⁷) Tacit. ann. XI. 1 ff. Dio 60, 27 und 29.
s) Dio 60, 14, f. Verschwörüung des Furins Camillus.
9) I)io 60. 10. Ticit. XI 4.
¹⁰) Dio 60, 14; Sueton Claud. 37.


